Bücher liegen am Stand eines Buchverlages (Symbolfoto)
Foto: dpa/Jens Kalaene

BerlinDer Roman „Herr der Fliegen“ erzählt eine deprimierende Geschichte: Unbeaufsichtigte Jugendliche verwandeln sich in kurzer Zeit in rücksichtslose, ja mordende Fieslinge. Teenager lesen das bis heute im Unterricht und lernen daraus, wie sie „wirklich“ sind: böse. Aus einem Roman wohlgemerkt, keinem Tatsachenbericht.

Eine andere, tatsächlich wahre Begebenheit erreichte dagegen kein Millionenpublikum. Sie handelt von sechs Jungen, die mehr als ein Jahr als Verschollene auf einer einsamen Pazifikinsel überlebten. Kerngesund und psychisch stabil. Vermutlich haben Sie noch nie von ihnen gehört.

Bregman: Der Mensch ist nicht schlecht

Der Historiker und Journalist Rutger Bregman erzählt in seinem Buch „Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit“ beide Geschichten. Er fragt, warum die eine, erfundene, brutale zum Weltbestseller wurde, während die andere, wahre, friedliche offenbar niemanden interessiert.

Seine Antwort: Der egoistische, sündige, gewaltbereite, von Glauben und/oder Zivilisation nur mühsam gebändigte Homo sapiens passt zu dem, was das Christentum und viele andere Religionen, aber auch die Aufklärung schon sehr lange über uns erzählen. „Der Mensch ist schlecht“ erscheine uns daher plausibel. Aber ist es deswegen auch wahr?

Bregman meint: Nein. Und erklärt auf über 400 Seiten, wie er dazu kommt. Er zitiert biologische, historische, (sozial-)psychologische Fachdiskussionen, entzaubert das legendäre Stanford Prison Experiment (in der Studenten zu brutalen Gefängniswächtern werden) und ähnliche Studien über potenziell gewalttätige Normalos.

Außerdem ist der Mensch, so Bregman, vor allem wegen seiner Freundlichkeit und sozialen Kompetenz so enorm erfolgreich – nicht zufällig seien wir das einzige Tier, das erröten kann. Bis vor gut 10.000 Jahren gab es keine Kriege (so der von ihm referierte Stand der prähistorischen Forschung), die nomadischen Gruppen waren gesellig, kooperativ, Unbekannten gegenüber vorsichtig, aber aufgeschlossen. Und sie kamen ohne Herrscher aus. Die Probleme begannen mit Sesshaftigkeit, Besitz und starren Hierarchien.

Radikaler Optimismus

Das alles ist sehr unterhaltsam; Bregman kann noch aus der trockensten Studie Funken schlagen. Es scheint zu schön, um wahr zu sein, aber genau darum geht es in diesem Buch. Es leugnet nicht, dass Menschen Schreckliches tun, es widmet dem Holocaust viele Seiten.

Aber es warnt davor, das Böse als anthropologische Konstante zu betrachten. Denn wer nicht ans Gute glaubt, wird es nicht ernsthaft anstreben. Bregman, dessen Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen („Utopien für Realisten“, 2014) ein Bestseller wurde, ist kein Träumer, sondern ein radikaler Optimist. Allein deswegen macht es bestimmt großen Spaß, ihn am Mittwochabend live zu erleben.

Lesen Sie auch: Simon Rattle dirigierte Beethovens einziges Oratorium >>

Ein komplexer Abend über Schuld, Gewalt und Kunst

Ganz und gar nicht optimistisch ist Rosa Liksoms Roman über eine junge Frau in Lappland, die einen Nazi heiratet und selbst zur Faschistin wird. „Die Frau des Obersts“ lehnt sich an das Leben der samischen Schriftstellerin Annikki Kariniemi an und wirft einen schonungslosen Blick auf die Geschichte Finnlands, das während des Zweiten Weltkriegs phasenweise mit den Nationalsozialisten kooperierte.

Liksoms Roman zeigt eine Frau, die in ihrer Ehe schwer misshandelt wird, NS-Prominenz hofiert und Massenmorde mit einem Schulterzucken hinnimmt: Eine provokative, schwer erträgliche Geschichte, erzählt in einer direkten, oft derben, dabei glasklaren Sprache. Man würde diese Autorin gern mit Rutger Bregman auf ein Podium setzen. Aber auch ohne ihn wird ihr Auftritt im Haus der Nordischen Botschaften sicher ein komplexer Abend über Schuld und Gewalt – und über den künstlerischen Umgang mit beidem.

Jonathan Coe spricht über „Middle England“

Wer die Frage nach dem Gewissen, nach „richtig und falsch“ an die Gegenwart stellt, kommt nicht an den Konflikten vorbei, die Europa gerade zerreißen: Egoismus versus Kooperation, Mitgefühl versus Abwehr, Offenheit versus Abschottung.

Eine Möglichkeit sie zu durchdenken, ohne zu verzweifeln, ja sich dabei sogar gut zu unterhalten, bietet am Freitagabend Jonathan Coe mit seinem vielbejubelten Brexit-Roman „Middle England“. Hier geht es um den britischen Alltag mit Ressentiments und Rassismus in all seinen absurden Seiten.

Literatur

Rutger Bregman Mi, 11. 3., 20 Uhr, Backfabrik, Saarbrücker Straße 36-38, Eintritt ab 17,75 Euro  

Rosa Liksom Do, 12. 3., 19 Uhr, Felleshus, Rauchstr. 1, Eintritt frei, um Online-Anmeldung wird gebeten    

Jonathan Coe Fr, 13. 3., 19.30 Uhr, Buchhandlung Uslar & Rai, Schönhauser Allee 43, 9 Euro (inklusive Getränke)