Ein noch junger Mann, eine junge Frau, ein Kind von acht Jahren. Der Mann ist nicht der Vater, das zeigt sich schnell. Denn dieser ist in der Urlaubsidylle des Trios als Vierter übers Handy präsent. Da haust man nun knapp zweitausend Meter über dem Meer in einer Holzhütte in den Dolomiten – und immer dieser verfluchte Empfang.

Zabeil erzählt von Menschen, die einen Plan haben

Der Junge (Arian Montgomery) spricht Englisch mit seinem Vater, ebenso die Mutter mit dem neuen Mann. Obwohl, so neu ist er nicht. Vor zwei Jahren hat sich die Mutter in den großen kräftigen Architekten Aaron (Alexander Fehling) verliebt und den Vater des Jungen dafür verlassen. Nun will sie mit der neuen Familie nach Paris ziehen, in ihre Heimat, dann kann der Junge nicht mehr mühelos zwischen Papa und Mama hin-und herziehen, wie bisher in Berlin.

Der Regisseur Jan Zabeil entfaltet die Koordinaten dieser multilingualen und doch sprachlosen Patchwork-Familie recht zügig. Er erzählt ja auch von Menschen, die einen Plan haben. Nur haben sie diesen Plan ohne eine Variable gemacht: Der Junge spielt nicht nur nicht mit, er sabotiert, wo er kann.

Auch Patchwork macht Probleme

Vor einigen Jahren beklagte die Autorin Melanie Mühl in ihrem Buch „Die Patchwork-Lüge“ die mediale Inszenierung der zusammengesetzten Zweit- und Dritt-Familien als cooles, glückliches Gegenmodell zu den blöden Spießern, die zusammen bleiben, auch der Kinder wegen.

Damals, 2011, ließen sich prominente Politiker tatsächlich gern mit ihren neuen jungen Frauen und ihrem frischen Nachwuchs ablichten, allen voran Christian Wulff, ach. Parallel fläzte so manche superentspannte Patchwork-Familie in der TV-Unterhaltung herum, ja, man konnte schon den Eindruck bekommen, Fernsehredakteure und Medienmenschen glorifizierten hier ihr privates Neustart-Programm.

Das ist in „Drei Zinnen“ nicht der Fall. Im Gegenteil. Offenbar aber macht nun eine andere Generation gerade ihre Erfahrungen mit Patchwork, und es sind nicht mehr die älteren Männer mit jüngeren Frauen, die hier die Deutungshoheit über die neue Familienform beanspruchen und vielleicht auch deshalb gereizt auf Mühls Thesen reagierten. „Drei Zinnen“ nimmt zwei Phänomene sehr genau und überzeugend in den Blick: Den Loyalitätskonflikt des Jungen zwischen den beiden Männern und die Ambivalenz des Vaterseins überhaupt.

Fehling großartig, Bejo wirkt fehlt am Platz

Alexander Fehling spielt diesen Mann zwischen Liebesgefühlen und der Angst, an den Ansprüchen an ihn zu ersticken, schlicht großartig. Er hat sich eine beeindruckende Physis angefuttert und antrainiert, ein Kraftkerl, der alles kann, was man in der Natur so braucht. Zudem ist er einfühlsam und unendlich geduldig mit einem Kind, dem die Mutter keine Grenzen setzt.

Das eigentliche Paar dieses Films sind leider Mutter und Sohn, und das ist mitunter schwer auszuhalten und wird vom Freund der Mutter viel zu lang ertragen. Der Achtjährige knallt sich jeden Abend zwischen die beiden Erwachsenen ins Bett. Mama lässt es zu. Bérénice Bejo hat einen eher undankbaren Part in diesem Setting, in den Bergen scheint sie fehl am Platz. Doppelt ungeeignet für den Laborversuch, den sie der neuen Familie verordnet hat.

Die Hauptrolle spielt die Kulisse

Unter Ausschluss aller abfedernden äußeren Umstände – andere Kinder vielleicht oder wenigstens ein Tier – soll in der Isolation inmitten der Bergwelt etwas zusammengeschweißt werden, was in den Augen des Kindes nicht zusammengehört. Ob das auch zwei Jahre nach der Trennung der Eltern noch plausibel ist, mögen Psychologen beurteilen.

Im Drehbuch hat es seine Logik, denn der Junge fürchtet den Verlust des leiblichen Vaters durch den Umzug nach Paris zu Recht. Juristisch auch nicht ganz eindeutig dieser Fall – aber das wäre eine andere Geschichte, dafür braucht man auch keinen Berg.

„Drei Zinnen“ hat zwar ein klares Thema – was Filme ja oft hölzern macht – er hat aber auch eine visuelle Kraft. Das ist die eigentliche Stärke des Regisseurs Jan Zabeil und seines Kameramanns Axel Schneppat. Das Duell zwischen Aaron und dem boshaften, bald mörderischen Kind spielt sich nicht vor einer erhabenen Kulisse ab, die Kulisse spielt die Hauptrolle.

Mag die Region um die Drei Zinnen, ein Bergmassiv in Südtirol, sonst auch komplett auf den Tourismus zugerichtet sein, in diesem Film ist sie eine Naturgewalt. Ein zugefrorener See wird zur Falle für den Mann, der eigentlich alles kann. Für diesen Film ging Alexander Fehling buchstäblich auf Grund.