Die neu gestalteten Räume in der Dresdner Gemäldegalerie, an der Rückwand Raffaels „Sixtinische Madonna“. 
Foto: dpa/Sebastian Kahnert

DresdenDresden wartete lange auf den Zugang zum gewohnten Kunstgenuss. Sieben Jahre wurden immer wieder Teile der nach dem Architekten Gottfried Semper benannte historischen Gemäldegalerie am Zwinger geschlossen, dringend musste es restauriert, umgebaut und technisch ertüchtigt werden. 50 Millionen Euro investierte der Freistaat Sachsen, Bundeshilfe gab es praktisch keine, dafür reichlich Sponsorenhilfe etwa des Ostdeutschen Sparkassenverbands. Ein Musterbeispiel föderaler Selbstertüchtigung.

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Am Freitag wird der Semperbau nun wieder in voller Größe eröffnet, am Wochenende gibt es dann Tage der offenen Tür, die Staatlichen Museen rechnen mit einem Massenandrang und geben nur Zeittickets aus. Die Dresdner Gemäldegalerie und die nun mit ihr vereinigte Skulpturensammlung sind nämlich nicht nur immer wieder begeisternde Museen – sie sind auch ein Musterbeispiel für deren lokalpatriotische Inanspruchnahme: Ein Viertel der Besuchenden kamen 2019 trotz der baubedingten Einschränkungen aus Dresden und Umgebung. Es sei doch schön, dass unser August das Geld nicht fürs Militär ausgegeben hat, sondern für Dresden, sagte begeistert sogar die Bedienung eines Cafés, als sie den aufgeschlagenen Katalog sah. Eine Identifizierung mit den Museen, die kaum denkbar wäre etwa in Berlin oder München, die man allenfalls kennt aus amerikanischen Museen oder jenen in Bremen, Hamburg, Köln oder Leipzig, die aus stadtrepublikanischem Selbstbewusstsein begründet wurden.

Dabei ist die Galerie – jedes Krönchen auf den klassischen Dresdner Bilderrahmen zeigt es – ein Werk vor allem der sächsischen Kurfürsten und polnischen Könige August II. und August III. Sie schufen auf der Grundlage der schon seit der Reformation entstandenen kurfürstlichen Sammlung etwa zwischen 1700 und 1760 eine Galerie, die es sich leisten kann, selbst so legendäre Werke wie Tizians „Zinsgroschen“ in einem Nebenzimmer zu zeigen, Giorgiones herrliche Liegende Venus einfach neben einer Durchgangstür zu hängen, die vorzüglichen Werke des französischen Rokoko in einem eher dunklen Kabinett unter zu bringen.

420 antike und nachantike Skulpturen in Gemäldegalerie

Selbst die Sixtinische Madonna Raffaels ist in Dresden eben nur ein Höhepunkt westlicher Kunstgeschichte neben vielen anderen – was in der neuen Hängung auch dadurch signalisiert wird, dass sie nicht allein an der tiefrot bespannten Wand hängt. Übrigens Farben: Alle Wände sind nun wieder kraftvoll farbig gehalten, rot die mit den Werken italienischer Maler, blau die der Franzosen und Spanier, Grün ist Niederländern, Flamen und Deutschen vorbehalten. Radikal verändert hat sich aber zweierlei: Erstens wurde der Grundriss der Sammlung regelrecht gespiegelt. Von der zentralen Kuppelhalle aus gesehen, hängen nun die Italiener rechts, zu sehen mit der Sixtinischen Madonna in der direkten Achse. Nach links sieht man hin durch den herrlichen Rubens-Saal bis hin zu Rembrandts Entführung des Ganymed durch den Adler des Zeus.

Vor allem aber ist nun neben 700 Gemälden erstmals eine Auswahl von 420 antiken und nachantiken Skulpturen ausgestellt. Die antiken Skulpturen, Reliefs und Sarkophage – eine der besten Sammlungen ihrer Art! – stehen vornehmlich in der von beiden Seiten strahlend hell erleuchteten einstigen Skulpturenhalle im Hauptgeschoss, zusammen mit drei schon im 18. Jahrhundert nach Dresden gelangten Mumien und kostbaren Keramiken. In der Mitte des Saals ist wieder der grandios gestaltete Überfall eines geilen Satyr auf einen Hermaphoditen zu finden – ein Werk, das nur knapp an der Grenze zur Pornographie vorbei schrammt. Kleinere Werke, vor allem aber die exquisite Dresdner Sammlung von Bronzeskulpturen, Kleinplastiken und Büsten der Renaissance und des Barock sind zudem noch in einer herrlich hellen Seitenlichtgalerie im Obergeschoss aufgestellt – und immer wieder zwischen den Gemälden. Für Dresden ist diese Mischung der Gattungen eine Revolution, hier hatte man seit einer legendären Anweisung August des Starken von 1717 streng auf ihre Trennung geachtet. Der lächerliche Streit, ob man Skulpturen und Gemälde nebeneinander zeigen dürfe, ist damit wohl endgültig beantwortet: Man darf nicht nur, man sollte.

Ist doch schön, dass unser August das Geld nicht fürs Militär ausgegeben hat, sondern für Dresden.

Die Mitarbeiterin eines Dresdner Cafés am Mittwoch.

Das Nebeneinander der barocken Büste eines Afrikaners mit klassizistisch-kühlen Gemälden von Poussin und Lorrain erzählt mehr als jedes Handbuch über die koloniale Ausweitung Europas, Antikenkult in Frankreich, die Sehnsucht nach bis zur Langeweile gehender Ausgeglichenheit. Andrea Mantegnas Heiligen Sebastian neben einer antiken Statue eines Jünglings zu sehen, wie sie dem Renaissancemaler als Modell gedient haben könnte, zeigt die Verankerung der Moderne in der Verehrung des in Griechenland und Rom geschaffenen Menschenbilds, die Büste des Kurfürsten Friedrich III. macht deutlich, dass die Altargemälde Cranaqchs oder Dürers eben nicht nur kultischen, sondern auch politischen Charakter hatten.

Vor allem aber wird in dieser neuen Inzenierung etwas betont, dass die Kuratoren in vielen Museen – auch in Dresden – spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg regelrecht austrieben: Blanke Opulenz. Reichtum. Ästhetische Vielfalt und Überwältigung durch Dichte. Hier hängen selbst erlesen fein gemalte Familien- und Wirtshausszenen, Atelierbilder und Landschaften aus dem niederländischen Leiden des 17. Jahrhunderts in Reihen über- und nebeneinander, sind französische Pastellgemälde fast wandbedeckend aneinander gerückt, werden die prachtvollen italienischen Großformate aus Venedig so gezeigt, wie sie gedacht sind: Als Teil eines Raumensembles nämlich.

Es ist der Blick des 18. und 19. Jahrhunderts, der hier wieder entsteht, der Rahmen dient als Abgrenzung eines Fensters in eine andere Welt. Gerade diese ungewohnte Fülle der Eindrücke bringt einen dazu, genauer hinzusehen, um nicht unterzugehen in der Fülle. Sonst wären Wände, die von den gefühlvollen, hochenergetischen und oft auch hocherotischen Gemälden eines Rubens, van Dycks und Jordaens bedeckt sind, wohl kaum erträglich, und die Zierlichkeit der Pastellgemälde würde sich ins Dekorative verflüchtigen. Ein überraschender Effekt: Auch Überwältigung kann Konzentration erzwingen, nicht nur die nackte Wand, wie es 100 Jahre Museumsreform behaupteten.

Galerien sind Ansammlungen von Vergewaltigung und Mord

Doch es geht nicht um Traditionalismus, sondern um das Betonen des Besonderen. Deswegen ist diese neue Inszenierung auch weniger ein Modell für andere Museen, ist nur sehr bedingt nachzuahmen: Welche andere Sammlung hat schon so viele erstklassige Meisterwerke aus den Hauptschulen der westlichen Malerei in einem Haus vorzuweisen, mit einem derart genauen intellektuellen Zielpunkt? In der Münchner Alten Pinakothek etwa ist die nationalromantische Konstruktion einer „nordischen“ Malerei im Kontrast zu den „romanischen“ das Hauptthema der Sammlung. Berlins Gemälde- und Skulpturensammlung ist von einer streng bürgerlich-wissenschaftlichen, gewissermaßen lexikalischen Systematik geprägt. In Dresden dagegen ging es seit jeher vor allem darum, zu zeigen, was aus der Perspektive des Barocks als vollendet, als „schön“ galt. Nicht zufällig stehen die Statuen Raffaels und Michelangelos gleich im großen Eingangstreppenhaus.

Deswegen finden sich dort kaum mittelalterliche Werke, die in Berlin und München so goldglänzend vertreten sind. Das 18. Jahrundert wusste sie kaum zu schätzen. Die wenigen Beispiele aber werden vorzüglich inszeniert: So sind goldschimmernde flämische Bildteppiche in einem Raum zusammen mit einigen spätmittelalterlichen Skulpturen aus Sachsen und dem Dreiflügelbild einer Madonna in der Kirche von Jan van Eyck zu einem sakralen Raum vereint. Großartig auch die Neuhängung der Bellotto-Stadtansichten Dresdens in der oberen Treppenhalle - endlich kann man diese Bilder genau studieren. Eine Lust des Lokalpatriotismus.

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Dominant aber bleibt die Feier einer in Rennaisance und Barock entstanden Kunst, die die Natur mit Farben, Antiken- und Körperstudium sowie Perspektive erkennen will. Sie schreckte dabei aus heutiger Sicht auch vor Grausamkeit nicht zurück. Rembrandts Entführung eines um Hilfe schreienden Kindes durch den Adler des Zeus ist als Thema kaum noch erträglich - und doch grandiose Malerei. Alle Galerien der Welt sind eben auch Ansammlungen von Darstellungen des Menschenraubs, der Vergewaltigung, von Mord und Totschlag. Genau diese Spannung kann wohl nur ein Museum wie jenes in Dresden verdeutlichen, das sich auch heute noch so ungehemmt dem Schönheitskult einstiger Fürsten ausliefert – und gleichzeitig mit der Wiedervereinigung von Malerei und Skulptur, von Antike und Nachantike zeigt, dass die Künstler diese niemals getrennt gesehen hatten.