Schwungvoll melden sich seit 2010 junge Ostdeutsche zu Wort. Sie haben einen neuen Blick auf den Osten. Sie nennen sich Dritte Generation Ostdeutschland. Die mediale Aufmerksamkeit ist erheblich, denn ihre Idee scheint gut und die Zeit reif zu sein. Zwei Jahrzehnte nach Mauerfall und Wiedervereinigung brechen die Letztgeborenen der DDR aus dem diskursiven und politischen Raster aus. Sie erklären öffentlich, dass ihr Leben stärker von dem andauernden Prozess des deutschen Zusammenwachsens geprägt ist, als viele meinen. Daraus hat sich ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Doch werden sie sich auch politisch Gehör verschaffen?

Sie sind vor 1989 in der DDR geboren, waren aber zu jung, um staatstragende und moralisch zweifelhafte Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig waren sie zu alt, um von den Umbrüchen unberührt zu bleiben. Sie erlebten ihre Eltern in einer jahrelangen Katerstimmung, die auf die Wochen des euphorischen Aufbruchs folgten. Viele erbten das Gefühl, dass ihre Herkunft eng mit Scheitern und Abwertung in Verbindung gebracht wird. Für alle veränderte sich das Leben nach 1989 rasant, egal, was die Eltern vorher waren. Viel rasanter übrigens als für die Gleichaltrigen im Westen.

Ein neues Achtundsechzig?

Die Idee, dass es eine ganze Generation junger Ostdeutscher gibt, die alte Deutungshoheiten infrage stellen, fasziniert viele. Politiker aller Couleur sind interessiert an den „neuen“ Ostdeutschen. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz deutete sogar an, dass hier viel Potenzial für ein neues Achtundsechzig verborgen liege. Denn 23 Jahre hatte es auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gedauert, bis die Jungen nicht mehr an sich halten konnten und öffentlich Rechenschaft ihrer Eltern einforderten. Und nun sei es an der Zeit, dass die jungen Ostdeutschen mit ihren Eltern ins Gericht gingen.

Es gibt durchaus eine Parallele zwischen der Nachkriegs- und der Nachwendezeit: Viele Ältere beschweigen ihre eigenen Vergangenheiten und üben sich in der Unfähigkeit zu trauern. Sie tun es heute, weil sie keinen Ort in d er öffentlichen Debatte haben und ihre kleinen Lebenswerke scheinbar auf der Abraumhalde der Geschichte gelandet sind. Aber damit endet der Vergleich auch schon. Die kollektiven Erfahrungen der Entwertung nach 1990 hat viele Ostdeutsche in latenter Bitterkeit zurückgelassen. Die jungen Ostdeutschen haben begonnen, im Gespräch mit den Eltern die Wurzeln ihrer Herkunft offenzulegen. Dabei entsteht ein differenziertes Bild der DDR und der 1990er-Jahre. Dazu hat es bis jetzt keine Parolen gebraucht. Und die Älteren, wer hätte das gedacht, nehmen das Angebot zur Diskussion an. So bleibt die Idee eines ostdeutschen Achtundsechzig Theorie, denn die Verständigung geht ohne Kampf.

Ein neues Selbstbewusstsein

Was daraus entsteht, ist ein neues und reflektiertes Selbstbewusstsein. Denn die Fragen nach dem „Wer bin ich? Wo komme ich her?“ werden selbst gestellt und die Antworten eigenständig gefunden. Sie sind unabhängig von den noch immer subtil transportierten Bildern des „Ostens“. Eisenhüttenstadt oder Pirna ist dann kein Schicksal mehr, sondern der Ort der Kindheit und im besten Fall eine Aufgabe für die Zukunft.

Aber ist die Dritte Generation Ostdeutschland ein Massenphänomen? Noch werden diese Gespräche vor allem im Privaten oder anlässlich neuer Bücher und Theaterstücke geführt. Die Liste der Buchtitel über generationelle Verhältnisse und Missverständnisse ist in den letzten Jahren sehr lang geworden, sie reicht von Eugen Ruge über Andrea Hünniger bis hin zu Sabine Rennefanz (den Lesern der Berliner Zeitung als Reporterin vertraut). Ebenso ist das Interesse junger Ostdeutscher an Einblicken in die Unterlagen der Jahn-Behörde gewachsen. Und das wird auch in der Zukunft bestehen bleiben. Die Hürden, Einblick in die Akten nehmen zu können, sollten noch weiter sinken. Die Archive können zu Orten werden, an dem Vergangenheit zugänglich gemacht wird.

Keiner will Quoten-Ossi sein

Bis jetzt hat sich diese Dritte Generation Ostdeutschland kaum politisch geäußert. Es fällt ihr schwer, weil die Einzelnen mit sich selbst beschäftigt sind und es immer noch wenige Orte der kollektiven Verständigung gibt. Auch sind die wenigsten schon da, wo die Zukunft mitentschieden wird. Aber das kann für sie zu einer ähnlich frustrierenden Erfahrung werden wie für die Zweite Generation Ost. Außer in der Politik vielleicht finden sich kaum Ostdeutsche in Führungspositionen. Ostdeutsche sind so selten Entscheider in dieser Gesellschaft wie Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund. Und eine Gesellschaft, die mitten in Europa liegt und auch sonst stark vernetzt ist, kann ohne diese vielfältigen Erfahrungen nicht gestaltet werden. Wer meint, dass Herkunft und Hintergrund keine Rolle spielen, will, dass die Vorstände der Firmen, die Kommentatoren in den Zeitungen oder die Dekane der Universitäten auch in der Zukunft die westdeutschen Männer sein werden. Keiner will der Quoten-Ossi sein, aber oft wäre der schon ein Gewinn.

Auch ist die Verhandlung der Solidarpaktnachfolge für die jüngeren Ostdeutschen wichtiger, als sie selbst meinen. Ihre Herkunftsorte liegen da, wo auch in Zukunft weiterhin Förderung notwendig sein wird. Die gleichwertigen Lebensbedingungen stehen da schon jetzt zur Disposition, wenn der Arzt auf Rädern und der Bus nicht kommen. Aber die Eltern und Großeltern müssen eines Tages gepflegt werden und auch deren Häuser finden kaum noch Käufer. Gerade da braucht es junge Menschen, deren Ideen und öffentliche Mittel, um die Zukunft gestalten zu können.

Die Dritte Generation Ostdeutschland ist leiser als erhofft aber wichtiger denn je. Das neue Selbstbewusstsein wird Gelegenheiten finden sich zu zeigen. Denn es geht um mehr als Herkunft. Es geht um Zukunft.

Johannes Staemmler ist Mitherausgeber des Buchs „Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen“, Ch.-Links-Verlag (Leseprobe).
Der Deutschlandfunk überträgt eine Diskussion aus dem Schloss Bellevue zum Thema am 20.11.2013, 19.15 Uhr.