Auf dem Friedhof Grunewald-Forst sind viele Grabsteine mit Efeu überwuchert. Die Namen darauf sind zum Teil kaum noch lesbar. Die meisten Toten hier scheinen längst vergessen. Bei Grab Nummer 82 ist das anders.

Jemand hat dort Glitzer auf die Erde gestreut, eine Halskette hängt am Grabstein. Zwei kleine Schwarz-Weiß-Fotos von jungen Frauen stehen zwischen Blumen. Es sind Selfies von Fans der großen Musikerin, die hier nahe der Havel im äußersten Westen Berlins, begraben ist. Fans von Christa Päffgen, besser bekannt als Nico.

Gestorben auf Ibiza

Nico ist am 18. Juli 1988 gestorben, im Alter von 49 Jahren nach einem Fahrradunfall auf Ibiza, Todesursache Hirnblutungen. Dreißig Jahre ist das nun her und Nico längst Teil der Popkulturgeschichte.

Ende der 60er-Jahre sang sie auf dem Debütalbum der New Yorker Art-Rocker The Velvet Underground mit „All Tomorrow’s Parties“ oder „Sunday Morning“ die vielleicht schönsten traurigen Songs aller Zeiten; zu hören sind sie auf der berühmten Platte mit der Siebdruckbanane von Andy Warhol auf dem Cover.

Nico war Sängerin, Schauspielerin, Model, ein Gesamtkunstwerk: Bereits als Teenager zierte sie die Titelblätter verschiedener Pariser Modemagazine, spielte in Fellinis „La Dolce Vita“ (1960), hatte Affären mit Jim Morrison, Lou Reed und Brian Jones von den Rolling Stones. Den Drogen war sie ähnlich zugeneigt wie ihre Künstlerfreunde, lange Jahre war sie heroinabhängig. Ende der Sechziger widmete sie sich hauptsächlich der Musik, sechs Studioalben nahm Nico solo auf. „Chelsea Girl“ (1967) ist das bekannteste davon, der darauf enthaltene Song „These Days“ ist zigfach interpretiert worden, zuletzt 2016 von HipHop-Star Drake.

Zwischen Bühnenschönheit und Goth-Girl

Die Faszination, die von Nico ausging, hatte mit ihrem Wesen zu tun: Da war die tiefe Alt-Stimme, die so begräbnisgleich klang, wenn sie sprach, wenn sie sang. Da war der Glamour, den sie in einem zutiefst piefigen, mit sich selbst beschäftigten Westdeutschland versprühte. Da war ihre rätselhafte Verwandlung von der blonden, scheinbar erhabenen Bühnenschönheit hin zum Goth-Girl mit schwarz gefärbten Haaren.

In der internationalen Kulturwelt genießt Nico heute Legendenstatus. Doch gerade hierzulande gilt es im Hinblick auf ihr Werk und ihre Person immer noch einiges geradezurücken. Oft wird die „späte Nico“ vor allem als Drogenwrack beschrieben, ihr Werk dagegen auf ihre kurze Velvet-Underground-Episode, auf die „frühe Nico“ reduziert. Ihre Trilogie „The Marble Index“ (1968), „Desertshore“ (1970) und „The End“ (1974) kennt heute kaum noch jemand.

Erste deutsche Nico-Biografie im August

Auch Tobias Lehmkuhl ist darüber erstaunt. Der Journalist und Autor hat gerade die erste auf Deutsch verfasste Biografie über Nico geschrieben, sie erscheint im August im Rowohlt-Verlag. „Auf diesen drei Alben hat Nico Neue Musik, Mittelaltermusik, Pop und Chanson zusammengebracht“, sagt Lehmkuhl bei einem Gespräch in einem Café in Prenzlauer Berg. „Die Trilogie ist bis heute musikalisch bedeutsam, und sie ist immer noch unterschätzt.“ Was ihn an der Figur Nico fasziniert? „Sie ist eine Künstlerin, die gegen alle Widerstände sie selbst geblieben ist, die konsequent ihren Weg gegangen ist – und das als Frau in einer Zeit, in der die Musikbranche noch mehr als heute eine Männerdomäne war.“

Auf den drei Alben, die sie zwischen 1968 und 1974 mit John Cale aufnahm und auf dem das Harmonium das dominante Instrument ist, findet Nico zu sich. Und sie verhandelt darauf mehrere Jahrhunderte europäischer Kulturgeschichte: die Nibelungensage, barocke Todessehnsucht, romantischen Eskapismus, nietzscheanischen Nihilismus, den Minimalismus der 60er-Jahre. Wegen all dieser Einflüsse und Motive sei es auch ein Missverständnis, wenn man Nico musikalisch in die Pop-Schublade packe, meint Lehmkuhl: „War Nico Pop? Ich würde sagen: eher nicht.“

Geboren in Köln

Aber eine Figur der Popkultur – das war sie. Auch wegen ihrer rasanten Lebensgeschichte. Geboren wird sie 1938 als Christa Päffgen in Köln, während des Krieges zieht ihre Mutter mit ihr zunächst in den Spreewald, dann nach Berlin. Die Eindrücke, die sie als Kind in der vom Krieg zerstörten Reichshauptstadt bekommt, sollen sie ihr Leben lang nicht loslassen. In den Fünfzigern wird sie von dem Fotografen Herbert Tobias entdeckt, durch den sie zu den ersten lukrativen Modeljobs kommt – und zu ihrem Künstlernamen Nico.

Sie zieht zunächst nach Paris, in den Sechzigern nach London, dann nach New York. Dort lernt sie Andy Warhol und Bob Dylan kennen, Lou Reed und John Cale. Durch sie kommt sie zur Musik. Und durch die Musik wird aus dem Kriegskind Christa Päffgen der Weltstar Nico.

Eigenen Sohn mit Heroin versorgt

Zeit ihres Lebens soll sie ein störrischer, umstrittener Star bleiben. So gibt sie ihren 1962 geborenen Sohn Ari – dem gemeinsamen Kind mit Alain Delon, das dieser nie anerkannte – im Kleinkindalter zur Großmutter und kümmert sich kaum um ihn. Schlimmer noch: Als Jugendlichen bringt sie ihn zum Heroin. Fortan ist sie gerade für die deutsche Öffentlichkeit mehr als bloß eine Rabenmutter, sie verkörpert das Böse.

Häufig wird sie als Egomanin und Borderlinerin gezeichnet, und sie selbst hätte dem vielleicht nicht mal widersprochen. In „Frozen Warnings“ (1968), einem typischen Nico-Song, singt sie: „Frozen Warnings close to mine/ Close to the frozen borderline.“ In diesen zwei Vokabeln –„Frozen“ und „Borderline“ – steckt viel von der kühlen Grenzgängerin Nico.

Nico provozierte gerne

Eine Grenze überschreitet Nico für viele im Jahr 1974. Auf ihrem Album „The End“ singt sie das Deutschlandlied mit allen drei Strophen. Auch bei Konzerten spielt sie das Stück in der ursprünglichen Fassung und widmet es dem RAF-Terroristen Andreas Baader – das Publikum buht und pfeift sie aus. Nico erklärt sich dazu nie groß, sie sagt nur: Jimi Hendrix spiele doch auch die US-Hymne, warum könne sie nicht das Deutschlandlied neu interpretieren?

Aus heutiger Sicht kann man darin die Provokateurin und den Protopunk Nico sehen, die Lust am Abgrund, für die sie stand. Aus den Hippieträumen, so schrieb es der britische Musiktheoretiker Simon Reynolds über ihr 68er-Album „The Marble Index“, werde bei Nico eine Dystopie: „Der Sommer der Liebe wird bei ihr zu einem Winter der Verzweiflung.“

MeToo-Debatte erinnert Lehmkuhl an Nico

Aber sie war mehr als die dunkle, deutsche Pop-Gestalt. In ihr sei ein unbeugsamer Frauencharakter zu entdecken, sagt Trine Dyrholm. Die dänische Schauspielerin ist die Hauptdarstellerin des Biopics „Nico, 1988“, das nun in die Kinos kommt und von den letzten beiden Lebensjahren Nicos erzählt. „Sie wurde von Männern über ihr Aussehen definiert, aber sie fügte sich nicht in dieses Bild“, sagt Dyrholm am Telefon, „eigentlich war sie zunächst der Inbegriff einer schönen Frau. In späten Jahren aber machte sie sich absichtlich hässlich, um dem nicht zu entsprechen.“ Solche komplexen Frauencharaktere brauche es auf der Leinwand, erzählen sie einem doch etwas über die Machtstrukturen, in denen sich diese bewegten. 

Tobias Lehmkuhl sagt, er habe im Zuge der MeToo-Debatte an Nico denken müssen, weil diese das Bild der schwachen Frau so gar nicht bediene: „Die hätte sich bestimmt nicht an den Arsch greifen lassen. Eher hat sie den Männern an den Arsch gefasst – jüngeren Männern wohlgemerkt.“
Dyrholm sieht etwas Zeitloses in Nico: „Sie ist eine Person voller Widersprüche. Das macht sie so interessant, denn Widersprüche sind etwas, das wir alle in uns tragen.“ Das zeigt der Film der italienischen Regisseurin Susanna Nicchiarelli: die Nähe suchende Nico und die unnahbare Nico; der hilflose Junkie und die selbstbestimmte Künstlerin; die wilde, stets bewegliche Nico und die verlangsamte, paralysierte.

Das Grab Nummer 82 in Grunewald

All diese Persönlichkeiten, aus denen sie sich wie ein Puzzle zusammensetzte, stecken in ihren Songs. Ihre schaurig-schöne, kaputte New Yorker Bohème-Welt kann man etwa in „Chelsea Girls“ (1967) betreten, „The Falconer“ (1974) klingt dagegen wie eine mittelalterliche Litanei, Nico gibt darin die Beschwörerin, die Nachtgestalt, die sie war („Angels of the night/ silverframe my candlelight“). Und in „No One Is There“ (1968) mit seinen Streichern kann man die europäische Klassikerin Nico entdecken.
Im Grunewald tauchen an diesem Julimorgen schließlich zwei Tschechinnen auf, die auf der Suche nach dem Friedhof sind, eine mit langem lilafarbenen Kleid, eine ganz in Schwarz.

Zuletzt hätten sie Nico 1988 in Prag auf der Bühne gesehen, als sie noch junge Frauen gewesen seien, in einem anderen Land gelebt hätten und Nico eine der größten Stars des Undergrounds gewesen sei, erzählen sie. „Das Konzert wurde vom Regime gestoppt und nach wenigen Songs abgebrochen.“ Eine der beiden Frauen trägt eine gelb leuchtende Sonnenblume unter dem Arm. Die will sie nun auf das Grab Nummer 82 legen.