Es ist interessant zu sehen, wie sich die Streaming-Konzerte über das Jahr entwickelt haben. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr wurden sie noch belächelt. Mittlerweile fügen sie sich immer mehr in unseren Alltag ein und erleben neue, ungeahnte Höhen. Das beste Beispiel ist die bezahlpflichtige Onlineshow von Dua Lipa in der Nacht zu Sonnabend. Die britische Popsängerin hat fast zwei Stunden lang in einer alten Halle performt, die sie in das „Studio 2054“ umbauen ließ – eine Anlehnung an den berüchtigten New Yorker Club „Studio 54“, der in den 70er-Jahren die Disco- und Clubzeit maßgeblich prägte.

Dua Lipa tanzte in ihrem Studio mit zahlreichen Tänzern zu den verschiedensten Club-Szenerien – an der Bar, in der Garderobe, im Vorraum. Im Fokus standen dabei die Lieder ihres Albums „Future Nostalgia“ und das Remix-Werk „Club Future Nostalgia“. Beide Werke wurden im Laufe dieses Jahres veröffentlicht und bieten mit angehauchtem 80s-Dance, House- und Electro-Pop die beste Musik für einen freudigen Ausgehabend. Das mag in Anbetracht der Clubschließungen zwar ironisch wirken, doch wollte Lipa laut eigener Aussage sich „aufs Tanzen konzentrieren und das Weinen hintenanstellen“.

Besser als „Flash Dance“ oder Beyoncés „Homecoming“

Das gelingt ihr mit ihrer Show auch äußerst gut, besser als etwa Adrian Lynes Tanzfilm „Flash Dance“ oder Beyoncés „Homecoming“-Show auf Netflix. Der Lipa-Tanzclub weiß, wie er sich zu dem Nu-Disco-Song „Don’t Start Now“ durch Hula-Hoop-Reifen und in Glitzer-Bodys bewegen muss. Oder wie still er der eingeblendeten Performance von Elton John am Klavier lauschen sollte, der mit „Rocket Man“ eines seiner besten Lieder zum Besten gibt.

Doch im Vordergrund steht auch Lipas Stimme, die, unterstützt von einem Frauen-Chor, einer Band, einem DJ und vermutlich etwas Playback, durch die Show zieht. Die Lieder klingen wie auf Platte. Manchmal rutscht Lipa auch ein Lächeln oder ein „Oouh“ heraus. Wie toll sie dabei ist, zeigt sich an den geladenen Gästen: Kylie Minogue, Angèle oder FKA Twigs wirken blass neben ihr. Zwar sind die Gesangs- und Tanzeinlagen (FKA Twigs bot Poledance) ebenfalls schön, doch sind die Gäste stimmlich nicht so stark und auch von der Körperhaltung nicht so überzeugend im „Studio 2054“. Ob das Absicht ist? Oder ist die 25-jährige Lipa wirklich so talentiert, dass nun die alten Granden bei ihr abgucken müssen? Immerhin ist sie in sechs Kategorien für den Grammy nominiert. Selbst Madonna wollte einen Remix mit ihr produzieren.

Aber zurück zur Show: Anders als Billie Eilish oder die Foo Fighters spricht Lipa nicht mit ihrem imaginären Publikum. Es ist letztlich ein Onlinefilm, bei dem man als Zuschauer in eine leuchtende Studio-Welt entführt wird. Das macht Spaß, Lust zum Tanzen und lässt das Coronavirus für eine kurze Zeit vergessen. Ob die Show im Rahmen der Pandemie die nötigen Standards einhält und damit in die Zukunft von Corona-Konzerten führt, ist jedoch fraglich. Ohnehin stellt sich die Frage, wie sich Streaming-Shows langfristig umsetzen, erleben und auch bewerten lassen. Trotz eines Jahres mit Covid-19 ist alles noch am Anfang. Und dafür war diese Show stark – und auch der Preis von rund 14 Euro völlig okay. 

Nachtrag: Dua Lipa im Studio 2054 ist nun unter www.live-now.com für 8,50 Euro abrufbar.