Die Kabarettistin Lisa Eckhart.
Foto: HMB Media/Matthias Kimpel

BerlinSeit einiger Zeit strahlt und funkelt Lisa Eckhart am deutschsprachigen Kabarettistenhimmel. Sie ist 28 Jahre alt, unberechenbar, apart und tritt in allerlei androgynen Masken auf. Dieser Tage wurde sie vom Wettbewerb um den Preis des Harbourfront Literaturfestivals in Hamburg ausgeschlossen, weil die vereinigten Blockwarte des artgerechten deutschen Scherzens ihr nachsagen, sie bediene „antisemitische Klischees“.

Zum Kreis der Eckhart-Fans zählt der Kabarettist Dieter Nuhr, den die politisch korrekt beschränkte Schwarmdummheit ebenfalls gerne guillotinieren würde. Nuhr erklärte zu den Vorwürfen: „Wir müssen nun endlich darüber diskutieren, was Freiheit der Rede heute noch bedeutet. Wer Lisa Eckhart Antisemitismus vorwirft, muss entweder geistesgestört sein oder böswillig. Ich fürchte, bei einigen ist es eine Mischung aus beidem.“

Anders als der Hof-, Haus- und Familienbespaßer Oliver Welke streichelt Eckhart ihr Publikum nicht mit ziemlich vorhersehbaren links-sozialen Witzeleien, sondern stößt den geneigten Zuschauer in gut verdeckte Fallgruben. Sie verstört, zudem stammt sie aus Österreich. Glücklicherweise bekamen wir von dort nicht nur Adolf Hitler, Jan Marsalek und Markus Braun, die mutmaßlichen Chefkriminellen von Wirecard, sondern neben Senta Berger, Klaus Maria Brandauer auch die hoch begabte und blitzgescheite Lisa Eckhart. Sie hat Erfolg. In wenigen Tagen erscheint „Omama“, ihr erster Roman. Aber der Erfolg einer ausländischen, irgendwie rätselhaften Frau scheucht die heimischen Neider aus ihren Schnarchkojen – gerade so, als gelte es, einen Führerbefehl zu exekutieren.

Wie also lautet der Vorwurf gegen Madame Eckhart, die sich den gemütlichen Schemata von rechts und links, korrekt und unkorrekt, feministisch und antifeministisch usw. usf. so spielend leicht und elegant entzieht? Ganz einfach – sie sprach kurz über Sex, Juden und Geld, und das in einem Beitrag, den der WDR im September 2018 unter dem Titel „Die heilige Kuh hat BSE“ gesendet hatte. Sie kombinierte Harvey Weinstein, Roman Polanski, Woody Allen mit dem Stichwort #metoo und fügte in der ihr eigenen Tonlage hinzu: „Jetzt plötzlich kommt heraus, den Juden geht’s wirklich nicht ums Geld. Denen geht’s um die Weiber, und deswegen brauchen sie das Geld.“ Es sei „nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen.“ Um zu verstehen, wie diese Sätze als Teil eines Ganzen funktionierten, empfehle ich, den Clip (4:23 Min.) anzuschauen.

Unser weltanschaulicher Wachschutz wurde der angeblich antisemitischen Sätze erst 18 Monate später gewahr. Im April/Mai des Jahres rollte dann die Pfui-Welle. Ausgehend von einem Artikel in der Jüdischen Allgemeinen stimmten von FAZ bis taz fast alle in den Chor der Rechtgläubigen ein. Doch inzwischen bröckelt die Front. Die FAZ lenkte ein, in Hamburg denkt man über einen Ausweg nach, und in der Jüdischen Allgemeinen schrieb der Schauspieler Gerhard Haase-Hindenberg nach dem Besuch einer ausverkauften Vorstellung der eben noch Verfemten: „Ich habe eine Künstlerin erlebt, die im bewundernswerten Rollenspiel gesellschaftliche Vorurteile allein dadurch entlarvte, dass sie sie überspitzte.“