Stahlhelme zu Küchensieben: Die Fabrikantentochter Ulla Wolf (Elisa Schlott) hat eine Geschäftsidee.
Foto: ufa fiction/wdr

BerlinZeit für Durchhaltefilme. Sie müssen es  geahnt haben, als sie  bei der ARD diesen Dreiteiler ansetzten und zum „Event“ erklärten. „Was soll nun werden? Es muss doch weitergeh’n. Noch bleibt ja Hoffnung für uns genug besteh’n“, lässt sich Hans Albers einmal aus dem Radio vernehmen. 

Die Nachkriegsgesellschaft mit all ihren wirtschaftlichen, moralischen und amourösen Implikationen ist ein beliebtes Sujet im deutschen Fernsehen, gern opulent und großflächig im Programm ausgerollt. „Unsere wunderbaren Jahre“ basiert auf dem Bestseller von Peter Prange, der in seiner ziegelsteindicken Familienchronik die Geschichte dreier Fabrikantentöchter erzählt, die im sauerländischen Altena, der Heimatstadt des Autors, den väterlichen Metallbetrieb in die neue Zeit retten wollen. Die Idee mit den drei Schwestern ist literarisch nicht ganz neu. Und auch im Fernsehen hat man das zuletzt erst in den beiden Ku’damm-Tanzschulen-Filmreihen mit Claudia Michelsen gesehen.

Mit herrlich herrisher Geste

Das vorliegende Melodram ist ähnlich konstruiert. Im Zentrum des Geschehens steht die Familie Wolf, seit Generationen Eigentümer der Metallwerke Altena. Die Geschäfte führt der resolute Vater Eduard (Thomas Sarbacher), der sich mit der Rechtfertigung, er habe im Krieg keine Waffen produziert, den britischen Besatzern andient und so die Demontage des Werkes verhindern will. Als Adjutantin steht ihm seine Gattin Christel bei, mit herrlich herrischer Geste von Katja Riemann verkörpert. Wie man überhaupt sagen muss, dass das weibliche Personal  stärker besetzt ist als sein männliches Pendant. Hervorzuheben  ist das Tochtertrio, vom Autor  mit größter wesensartlicher Diversität angelegt.

Da wäre zum einen Margot, die älteste der drei, souverän wie immer von Anna Maria Mühe gespielt. Mit einem in Russland verschollenen SS-Hauptsturmführer verheiratet, sucht Margot samt ihrem Sohn den Weg ins argentinische Nazi-Exil. Auch Ulla (Elisa Schlott) will eigentlich nur weg, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Frauen wie sie hat man bis vor kurzem noch patent genannt. Sie ist ambitioniert abenteuerlustig, hat für alles eine Lösung und denkt nicht daran, im Sauerland zu versauern (sorry). In Tübingen bewirbt sie sich für ein Medizinstudium, wird auch genommen und dann kommt doch alles anders. Gundel (Vanessa Loibl) ist das Nesthäkchen der Familie, ängstlich, ernst, beflissen. Sie will dem Vater gefallen und wird von ihm notorisch übersehen. Allein das Auftreten der beiden jungen Schauspielerinnen Vanessa Loibl und Elisa Schlott, die ihre schablonierten Rollen durchkreuzen, ist ein Argument, diesem immerhin viereinhalbstündigen Film Lebenszeit zu schenken.

Eine Genossin wird flachgelegt

Dramaturgisch und inszenatorisch ist die Geschichte dürftig bis ärgerlich. Das beginnt schon in der ersten Szene, in der die jungen Leute beim Baden am Fluss vorgestellt werden. Da heißt es von dem jungen Arbeiter Tommy Weidner (David Schütter), er sei „seit drei Wochen zurück aus der Gefangenschaft“. Und dann tritt dort der modellhaft geformte Körper eines Fitnesstudio-Abonnenten in Erscheinung, der die behauptete Vorgeschichte der Figur auf einen Blick Lügen straft. Dieser Tommy wird in der Folge als James Dean von Altena aufgebaut, mit Motorrad, Lederjacke und allem Pipapo. Seine Performance ändert sich nicht wesentlich, als er vom Drehbuch nach Ostberlin verschickt wird, wo er als Kommunist ein bisschen am Bau der Stalinallee mitwirkt, in erster Linie aber eine Genossin (Marleen Lohse) flachlegt. Die Episode um den 17. Juni, die wie üblich mit einem Stasi-Verhör abgebunden wird, ist in der Saga dann auch der einzige Verweis auf einen anderen deutschen Staat. Da war das Ereignisfernsehen schon mal weiter.

Der Versuch, mit den Mitteln der Kolportage Zeitgeschichte zu erzählen, scheitert nicht grandios, sondern kläglich. Was insofern verwunderlich ist, da mit Elmar Fischer ein Regisseur die künstlerische Verantwortung trägt, der etwa mit dem Emmy-prämierten TV-Film „Unterm Radar“ bewiesen hat, dass er sich mit dem modernen Fernsehen auskennt. Nichts davon ist hier zu sehen. Kitsch ist Kitsch ist Kitsch. In dem Versuch, die Lebenslüge der wunderbaren Jahre zu entlarven, gelingt es dem Film nicht, irgendeinen bislang nicht erzählten oder gezeigten Assoziationsraum zu öffnen.

Stacheldraht für Bergen-Belsen

Ausgesprochen unerträglich wird es, wenn zwischen Sex im Kornfeld und Striptease im Nachtclub mal eben die nationalsozialistischen Gräuel abgehandelt werden. Das treibende Motiv dieser Geschichte dreht sich um die Frage, ob die Firma Wolf Stacheldraht für das Konzentrationslager Bergen-Belsen produziert hat. Um ihm die Konsequenz dieses Auftrages vor Augen zu führen, wird der Patriarch von einem Besatzungsoffizier genötigt, sich Filmmaterial der Briten aus dem befreiten Lager anzusehen. Die Dokumentaraufnahmen der geschundenen Körper in diesem Kontext als Blickfang zu verwenden, wirkt geradezu obszön.

Foto: ufa fiction/wdr
Unsere wunderbaren Jahre

18.3. , 21.3., 25.3., jeweils 20.15 Uhr, ARD