Szene aus "Der Mann, der sein Gedächtnis verlor"
Foto: absolut Medien

BerlinWenn vom sowjetischen Revolutionskino die Rede ist, fallen meist vier Namen: die von Eisenstein, Wertow, Dowschenko und Pudowkin. Dass es daneben eine Vielzahl von weiteren, bemerkenswerten Regisseuren gegeben hat, gerät dabei schnell in Vergessenheit. Die aktuelle DVD „Der neue Mensch“ bietet jetzt auf zwei Scheiben vier lange und vier kurze, selten gezeigte Beispiele aus den Jahren 1924 bis 1932, die etwas Licht ins Dunkel dieses filmgeschichtlichen Kapitels bringen.

Wenn vom sowjetischen Revolutionskino die Rede ist, fallen meist vier Namen: die von Eisenstein, Wertow, Dowschenko und Pudowkin. Dass es daneben eine Vielzahl von weiteren, bemerkenswerten Regisseuren gegeben hat, gerät dabei schnell in Vergessenheit. Die aktuelle DVD „Der neue Mensch“ bietet jetzt auf zwei Scheiben vier lange und vier kurze, selten gezeigte Beispiele aus den Jahren 1924 bis 1932, die etwas Licht ins Dunkel dieses filmgeschichtlichen Kapitels bringen.

Die ständig beschworene neue Zeit

Der Titel zitiert einen in jenen Jahren häufig benutzten Terminus. Denn die ständig beschworene neue Zeit brauchte natürlich auch einen neuen Menschentypus. Wie dieser aussehen sollte, wird in den Filmen vorgeschlagen. Er fällt nicht einheitlich aus. In „Bett und Sofa“ (1927) von Abram Room entspinnt sich eine klassische Dreiecksgeschichte: zwei Freunde lieben dieselbe Frau, als diese schwanger wird, kann die Urheberschaft nicht zweifelsfrei feststehen.

Den beiden Kumpels fällt nicht Besseres ein, als ihre doppelt Geliebte zur Abtreibung zu überreden. Diese entschließt sich zur Austragung des Kindes und lässt die Männer hinter sich - ein bemerkenswertes Statement weiblicher Selbstbestimmung, das noch ganz die Euphorie der frühen Revolutionsjahre atmet.

Schon bald sollten sich diese Ansätze von Toleranz und Experimentierfreude ins Gegenteil verkehren. Es ist dies einer der Vorzüge der vorliegenden Edition, dass durch die chronologische Anordnung der Filme diese rapide Erosion eindrücklich nachvollziehbar wird. „Der Mann, der das Gedächtnis verlor“ (1929) von Friedrich Ermler entstand an der Scheidelinie zum Stalinismus. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der durch Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg aus den Bahnen seiner Selbstwahrnehmung geschleudert wird.

Grandiose Metaphern

Diese Konfusion wird durch grandiose Metaphern beschworen, wie etwa mit einem im Schlachtfeld stehenden Jesus mit Gasmaske. Seine endgültige Umkehrung erfuhr der Wille zum „Neuen Menschen“ dann mit zwei Spielfilmen, die beide 1931 fertiggestellt wurden. „Der Weg ins Leben“ von Nikolai Ekk widmet sich dem Millionenheer russischer Waisenkinder jener Zeit.

Nicht zufällig wartet der Film am Ende mit einer Widmung an Tscheka-Gründer Feliks Dzierżyński auf. Gedreht wurde in Heimen, die unmittelbar dem Geheimdienst unterstanden. Unter entwurzelten Kindern und Jugendlichen Mitarbeiter zu rekrutieren, war im gesamten Ostblock noch bis Ende der 80er Jahre gängige Praxis, auch in der DDR. Hauptdarsteller Kirill Iwanow geriet selbst in die Mühlen des Terrors. 1937 wurde er verhaftet, er verstarb 1943 irgendwo im „Archipel Gulag“, wurde 1956 rehabilitiert.

Mit dem in der Ostukraine gedrehten Kollektivierungsfilm „Das Leben in der Hand“ von Dawid Marjan enthält die DVD noch eine lohnenswerte, wenn auch zwiespältige Ausgrabung dar. In diesem bislang faktisch unbekannten Werk werden Beispiele des Alten und Neuen polemisch gegeneinander gestellt: Nimmermüde Bestarbeiter, Neuerer und Kolchosbauer hier, Trinker, Bummelanten und Saboteure da. Es ist klar, wer den Triumph davonträgt. Am Ende steht eine orgiastische Ernteschlacht. Dieses Finale wirkt umso makabrer, da wenig später in der Ukraine eine der verheerendsten Hungersnöte des 20. Jahrhunderts ausbrach. Dem „Holodomor“ fielen in den Jahren 1931/32 Millionen Menschen zum Opfer.

Die Doppel-DVD „Der neue Mensch. Euphorie, Alltag und Illusion im sowjetischen Film zwischen Revolution und Stalinismus“ ist bei absolut Medien erschienen und kostet zirka 15 Euro.