Mina Farid als Naïma (rechts) und Lakdhar Riley Dridi als Dodo. 
Foto: dpa/Wild Bunch

Berlin Sommer an der Côte d’Azur. Naïma ist sechzehn geworden. Ihre Cousine aus Paris ist zu Besuch, Sofia, die ein wenig älter ist, und weitaus erfahrener. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel auf Cannes herab, wo der Jet Set Urlaub macht, und am Abend lassen sich von der Strandpromenade aus die Yachten bestaunen. Es ist ein Begaffen auf Gegenseitigkeit, denn nur im Kontrast mit der Armut realisiert sich der Reichtum. 

Ein einfaches oder ein leichtes Mädchen?

Das sagt Andres, ein Mann mit Geld in den besten Jahren, der mit seinem Assistenten Philippe soeben in der Marina eingelaufen ist. Er blickt über seinen Tellerrand und der Raubtierinstinkt flackert auf in seinen Augen als Naïma und Sofia an seinem Boot vorbeilaufen; genauer: als die nur knapp bekleidete Sofia hüftschwingend vorüberstöckelt. Ist Sofia jenes „leichte Mädchen“, das Rebecca Zlotowskis Film den Titel gibt? Oder ist es Naïma, deren eher bescheidene Herkunft die Übersetzung des Originaltitels „Une fille facile“ mit „Ein einfaches Mädchen“ nahelegen würde?

Und da es doch beide sind, welche Schnittmengen gibt es zwischen ihnen? Was ist überhaupt ein „leichtes“ beziehungsweise ein „einfaches“ Mädchen im Kontext dieser Geschichte, die auch von den Klassenunterschieden handelt sowie von Vorurteilen und Erwartungen, die von Reich und Arm, Mann und Frau, Alt und Jung jeweils aufeinander projiziert werden? Dass Sofia und Naïma mit ihrer algerischen Herkunft einen Migrationshintergrund haben, schärft das Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse, von denen Zlotowski erzählt, indem es die einzelnen Fallhöhen deutlich macht.

Die Schauspielerin hat selbst als Escort-Dame gearbeitet

Naïma zeigt sich von der Weltläufigkeit der Cousine beeindruckt. Sofia unterdessen sucht „Sensationen und Abenteuer“ und man begreift schnell, warum sie gekommen ist: der Laufsteg der Schickeria ist auch der Arbeitsplatz der Escort-Dame. Als eine solche hat Zahia Dehar, die in der Rolle der Sofia agiert, eine Weile gearbeitet; notorische Berühmtheit erlangte sie 2010 aufgrund ihrer zentralen Rolle im Prostitutionsskandal um die Fußballspieler Franck Ribéry und Karim Benzema. Der vielleicht gerade nicht mehr minderjährige Porno-Chic, den Dehar zur Schau trägt, ist also authentisch – und er wird von Zlotowski in einen Zusammenhang gestellt, der eine mehrdimensionale Betrachtung erlaubt.

Kein moralischer Zeigefinger – der beispielsweise den Materialismus Sofias verurteilen oder ihr die Rolle des ohnmächtigen Opfers zuweisen würde – erleichtert die Orientierung. Weil schließlich von ganz allein inmitten all der Manöver und Manipulationen, die hedonistischer Befriedigung dienen, die Fragilität der Ware zum Vorschein kommt: Projektionen, Traumgestalten, Wunschbilder.

Ein leichtes Mädchen Frankreich 2019 Regie: Rebecca Zlotowski, Alamode Film, ca. 13 Euro