„Smartphone Stacks“ von Florian Mehnert (geb. 1970), 2020.
Foto: Courtesy of Florian Mehnert

BerlinDer letzte Teil dieses Ausstellungsberichts ist eine Kritik. Der beginnende Teil, den Sie hier lesen – eine absolute Empfehlung. Denn die Ausstellung „Von Luther zu Twitter“ über die Geschichte des Medienwandels in der westlichen Welt, die aktuell im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist, kann man nicht anders bezeichnen als „absolut sehenswert“. Das DHM hat eine Schau organisiert, die sich wie ein kenntnisreicher Parforce-Ritt durch die Mediengeschichte des Westens darstellt.

In den Kellerräumen des Seitenbaus im DHM, wo sich die Sonderausstellungen befinden, kann man die wichtigsten Stationen der Kommunikationsgeschichte ablaufen und gut nachvollziehen, wie radikal Neuerfindungen in den Medien unsere Gesellschaften verändert haben. Angefangen von der Erfindung des Buchdrucks über die Zeitung und das Radio bis hin zum Fernsehen und diesem sogenannten Internet.

Das Beeindruckendste: Man erkennt am Ende der grandios geordneten und spannend erzählten Stationen, warum Medienrevolutionen immer auch mit dem Wanken von Meinungshoheiten zu tun haben, mit dem Wanken von Deutungmächten und dem Siegeszug neuer Gedanken, Geistesblitzen, Ideologien. Immer wieder geht es um Macht und um den Wunsch einer ordnenden Kraft, diese Macht für die Ewigkeit zu konservieren. Vielleicht ist es ja seit Menschheitsgedenken so, dass Gesellschaften um die gleiche und doch regelmäßig neu gestellte Frage streiten, die da lautet: Wer darf sprechen und wer nicht? Das war um 1500 nicht anders und das wird wohl morgen auch nicht anders sein. 

Eingeklebtes Lutherporträt in der Erstausgabe von Martin Luthers Übersetzung des Alten Testaments. Radierung nach einer Zeichnung von Lucas Cranach, d.Ä. (1472-1553), 1579.
Quelle: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Bibel-S. 4° 197:1 (1)

Mit Martin Luther fängt die Ausstellung an, dem christlichen Revoluzzer, der die Meinungsmacht der katholischen Kirche nicht akzeptieren wollte. Der Buchdruck machte es möglich, eine deutschsprachige Bibel zu veröffentlichen und die Mittelschicht darüber in Kenntnis zu setzen, dass Praktiken wie der Ablasshandel in Wahrheit Kontrollinstanzen sind. Die Schau zeigt Erstausgaben der Bibel, informiert über die gesellschaftlichen Konflikte um 1500 und lässt erahnen, dass Luthers Siegeszug nur mit einer raffiniert inszenierten Medienkampagne möglich war.

Obwohl Luther katholische Symbol-Orgien kritisierte, bildete sich um ihn selbst eine Art Kult. Im Raum des DHM ist eine Reihe von Luther-Bildern zu sehen, die ihn jeweils idealisiert im Profil zeigen, wie eine Art Messias. Auf einigen der Zeichnungen ist er mit buschigem Rauschebart zu sehen, der jedem Hipster in Berlin-Mitte alle Ehre machen würde. 

Raumansicht der Ausstellung im DHM.
Foto: DHM/David von Becker

Der spannendste und gelungenste Teil der Schau ist der Abschnitt über die Aufklärungs- und die Vormärz-Zeit, in der Druckerpressen und die Industrialisierung eine völlig neue europäische Öffentlichkeit ermöglichten. Zwischen 1800 und 1850 ging es den verkrusteten monarchistischen Strukturen und der Kleinstaaterei in Deutschland wirklich an den Kragen. Es macht Spaß, zu sehen, wie neue Ideologien – wie etwa der Marxismus und der positiv verstandene Nationalismus im Geiste eines Ludwig Börne – für ein völlig neues Verständnis von Staatlichkeit und ein Flirren in den Köpfen der Konservativen sorgten. In den Grafiken, Texten, Zeitungsberichten, die im Museum ausgestellt sind, kann man förmlich spüren, wie sich die Meinungen und Perspektiven auf die Welt (und die Wahrheit) plötzlich vervielfachten und den festgezurrten etatistischen Diskurs zum Explodieren brachten. 

„Die Emanzipierte“ von Johann Baptiste Reiter (1813–1890), wohl Österreich, um 1847.
Quelle: Oberösterreichisches Landesmuseum Linz

Schon an dieser Stelle denkt man sich: Ist es heute nicht genauso? Erleben wir heute mit der Digitalisierisung nicht exakt das Gleiche? Eine radikale Verabschiedung alter Ideen und Vorstellungen, die wir fälschlicherweise für ewig gültig hielten? Die Feminismus-Debatte könnte man als Beispiel zitieren. Die Netzfeministinnen und -feministen kämpfen für die Gleichheit der Geschlechter und wollen das Patriarchat vom Thron stoßen, indem sie neue Sprachregelungen wie etwa die Einführung des Gendersternchens fordern.

„Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“

Die Traditionalisten – zum Beispiel alte weiße Männer – versperren sich dagegen und zitieren den Untergang des Abendlandes herbei. Zwischen 1820 und 1850 wurde der Angriff auf die deutschen Königtümer durch kluge Republikaner wie Georg Büchner mit ähnlicher Kraft auf die Agenda gesetzt. Eine wachsende bürgerliche Schicht ging für ihre Freiheitsrechte auf die Straße. Wie heißt noch gleich die bekannte Kampfansage in Büchners Hessischem Landboten? „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“

„Der Zeitgeist“ von Johann Michael Voltz (1784–1858) Nürnberg, um 1820 Radierung, koloriert (Reproduktion).
Quelle: Deutsches Historisches Museum

Nachvollziehen kann man diesen Kulturkampf eindrucksvoll anhand von zwei Karikaturen von Johann Michael Voltz aus dem Jahr 1820. Auf der einen Zeichnung ist der „Zeitgeist“ zu sehen, also der republikanische Kampf-Geist, der in der Gestalt eines Teufels seine Ideale mit einem Dolch, heute würde man sagen: der Brechstange durchsetzen will. In der linken Hand hält der Zentaur wiederum eine Flagge, auf der heute völlig harmlose, damals aber revolutionär klingende Forderungen abgedruckt sind: Universitäten, Pressefreiheit. 

„Der Anti-Zeitgeist“ von Johann Michael Voltz (1784–1858), Nürnberg, 1819 Radierung, koloriert (Reproduktion) Lukas Arnold, um 1840.
Quelle: Deutsches Historisches Museum/I. Desnica

Auf dem Gegenbild zum Bilderstürmer ist der sogenannte „Anti-Zeitgeist“ zu sehen. Ein gut gekleidetes, Respekt heischendes Pferd mit Königslocken, das wie ein Monarch würdevoll in den Himmel schaut. Unter dem Arm kann man ein altes Gesetzbuch mit der Aufschrift „Alte Rechte“ erkennen. Es ist leicht zu erraten, wen der Zeichner sympathischer fand.

Von solchen Beispielen gibt es Dutzende. Die folgenden Stationen verhandeln, wie eng verzahnt technische Neuerungen mit dem Aufkommen neuer Gesellschaftsschichten und Freiheitsverständnisse sind. Ob nun Friedrich der Zweite oder Otto von Bismarck – die Entstehung von Presseerzeugnissen ließ plötzlich eine dritte Macht am Horizont aufflackern (heute nennt man sie kritische Öffentlichkeit), worauf die Autokraten mit Zensur und Kontrollverordnungen reagierten. Auch das versteht man dank der Schau: „Cancel Culture“ gibt es spätestens seit der Erfindung des Buchdrucks.

Volksempfänger VE 301 w von 1936.
Quelle: Deutsches Historisches Museum/A. Psille

Die Ausstellung zeigt, dass jede Zeit und jede Autokratie ihre eigenen Mittel findet, um sich der kritischen Öffentlichkeit entgegenzustellen. Die Nationalsozialisten etwa nutzten die Erfindung des Radios und legten einen Propagandateppich aus mesmerisierenden Ansprachen über das Land, um konträre Gedanken im Keim zu ersticken. In der Nachkriegszeit war es der Fernseher, der den Menschen diktieren sollte, wie sie die Wirklichkeit betrachten müssen.

09 September 2020, Berlin: Ein Besucher sieht sich einen Film in der Ausstellung „Von Luther zu Twitter. Medien und politische Öffentlichkeit“ im Deutschen Historischen Museum an.
Foto: dpa/Britta Pedersen

Ein weiterer spannender Teil der Ausstellung ist natürlich jener Abschnitt, der sich mit der Erfindung des Internets beschäftigt. Über diesen Teil haben die Ausstellungsmacher sicherlich die kontroversesten Diskussionen geführt. Im Prinzip ist die kritische Sicht auf die Chancen und Risiken der Meinungsentgrenzung im Internet, den die Ausstellung nahelegt, gut nachvollziehbar argumentiert. Teilweise aber widersprechen sich die Aussagen, wenn etwa die Informationstafeln zu Twitter mit Rekurs auf den Account von Donald Trump einen argen Pessimismus an den Tag legen.

Denn natürlich ist das Manipulationspotenzial durch Fake News und Algorithmus-Kontrolle heute omnipräsent. Aber gerade mit Rückblick auf die historischen Teile der Ausstellung geht ja der Besucher mit dem Gedanken in den Raum, dass es „früher“ auch nicht besser war. Insofern klingt es komisch, dass in der Kritik gegenüber den sozialen Medien eine Vergangenheit angedeutet wird, in der eine lupenreine Meinungsdemokratie existiert haben soll. Man müsste doch eher festhalten, dass die Wirklichkeit heute komplexer geworden ist und dass autokratische Herrscher das Steuern von Meinungen und Fremdmeinungen nicht mehr so leicht in den Griff bekommen wie noch um 1850. 

„Eye Contact“ von Ge Yulu (geb. 1990), China, 2016, Single channel video, 2h:14m:52s.
Quelle: Ge Yulu; Courtesy Beijing Commune and the Artist

Die Schau zeigt ja selbst, dass neben der Überwachung durch die NSA und Trumps Fake-News-Kaskaden zugleich eine kritische Öffentlichkeit immer mehr Möglichkeiten hat, sich in den Diskurs einzumischen. Dem Freiheitskämpfer Edward Snowden wird in der Ausstellung eine Bühne gegeben, der mit Wikileaks und der Offenlegung der Abhörmethoden durch den amerikanischen Geheimdienst das Vertrauen der westlichen Welt in die USA tief erschüttert hat. Und auch arabische Aktivisten von 2011 werden gezeigt, die ohne Facebook und Twitter keine Revolution auf die Beine gestellt hätten. Der letzte Teil widmet sich den Demonstranten von Hongkong, die dank des Internets aktuell das chinesische Regime in Bedrängnis bringen (in Belarus ist Ähnliches zu beobachten). Diese Erkenntnis ist richtig und wichtig, um die immer noch ungenutzten Chancen des Internets hervorzuheben.

Bei allem Lob darf eine Kritik nicht fehlen. Denn eine Position fehlt: Julian Assange. Ausgerechnet einer der kontroverstesten Männer des freien Internets, der unser Verständnis von Demokratie auf die Probe gestellt hat und mit dem Einsatz seines Lebens im Internet für absolute Transparenz kämpft, kommt in der Ausstellung nicht vor. Warum? Man kann nur spekulieren. Aktuell findet der Assange-Prozess in London statt. Insbesondere Journalisten schauen mit Sorge nach England, wo ein passionierter, nicht unumstrittener Freiheitskämpfer um sein Leben ringt, der ja mit seinem Furor insgeheim einem digitalen Luther gleichkommt.

Warum also diese Leerstelle? Sie zeigt, wie schwer sich deutsche Institutionen mit Assange tun, wie problematisch und unangenehm das Verständnis von absoluter Freiheit ist, die für digitale Transparenzverfechter wie Julian Assange im Zweifel höher wiegt als das Sicherheitsverständnis des Westens. Auch Luther war nicht unumstritten. Trotzdem ist er Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden. Es hätte der Ausstellung gut getan, sich Julian Assange auf kritische Weise zu nähern. 

„Von Luther zu Twitter. Medien und politische Öffentlichkeit“, bis 11. April 2021, Deutsches Historisches Museum Berlin, Unter den Linden 2, 10117 Berlin.