Hermann Parzinger (2. v. l.) im Neuen Museum nach dessen Sanierung
Foto:  Davids/Sven Darmer

BerlinLaut einer Empfehlung des Wissenschaftsrates soll die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) aufgelöst und in eine neue Organisationsstruktur überführt werden. Der Rat war von Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit einem Gutachten beauftragt worden. Nach Informationen der Wochenzeitung Die Zeit kommt das Gutachten zu dem Ergebnis, dass die Stiftung in ihrer bisherigen Form „dysfunktional“ sei und unter einer „strukturellen Überforderung“ leide. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mochte sich am Dienstag nicht zu dem Gutachten äußern. In einer gemeinsamen Veranstaltung des Wissenschaftsrats, der SPK und der Kulturstaatsministerin soll es am kommenden Montag der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Die Evaluation der größten deutschen Kulturorganisation mit über 2000 Mitarbeitern war bereits vor zwei Jahren von Stiftungspräsident Hermann Parzinger und Kulturstaatsministerin Monika Grütters angeregt worden. Am Dienstag war bekannt geworden, dass das Gutachten die Auflösung der SPK empfehle und eine Neugliederung in vier Bereiche vorschlage: die staatlichen Museen, die Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv und das Ibero-Amerikanische Institut. 

Das Vorbild der Wissenschaftsrats-Kommission ist nun offenbar die dezentrale Struktur, wie sie etwa die nationalen Sammlungsinstitutionen in London, Paris oder Washington prägt, in der Nationalbibliotheken, Museen und Staatsarchive getrennt voneinander agieren und, wie im französischen Fall, auch dem Ministerium unterstehen; die Smithonian Institution, die Library of Congress, das British Museum oder die British Library hingegen sind direkt dem Parlament unterstellt.

Zerschlagen werden soll die Stiftung nach dem, was bisher bekannt ist, nicht nach inhaltlichen Kriterien, sondern gerade entlang der Organisationsstrukturen, die die Stiftung erst so unbeweglich gemacht haben, dass dieses Papier überhaupt erforderlich wurde: Museen, Archive, Institute und Bibliotheken. Diese sollen allerdings nicht mehr Autonomie erhalten, sondern dem Bund direkt unterstellt werden. Dabei sind diese Institutionen alles andere als homogen: Das Ethnologische Museum, das Museum für Asiatische Kunst und das Museum Europäischer Kulturen etwa sind zwar historisch mit den anderen Staatlichen Museen verbunden, methodisch aber ganz eigenständig. Sie werden nach aller Erfahrung in ihrem neuen Haus Humboldt-Forum und in dem geplanten Wissenschaftszentrum in den alten Dahlemer Museen eine gewaltige Eigendynamik entwickeln. Wäre es in diesem Fall nicht geboten, ein eigenes Haus oder eine eigene Stiftung zu begründen, zu der aus methodischen und wissenschaftlichen Gründen durchaus das Ibero-Amerikanische Institut und das Museum Europäischer Kulturen gehörte? Doch gerade diese sollen autonom bleiben.

Es wird spannend sein, zu sehen, was die Kommission für das Institut für Musikforschung und sein international berühmtes Musikinstrumentenmuseum vorschlägt, was für das Rathgen-Forschungslabor, für die Binnenstruktur der Museen, die oft wider alle Ökonomie und Geschichte rein nach Fachdisziplinen sortiert sind. Die Autonomisierung des Geheimen Staatsarchivs dürfte auf massive Proteste der Historiker stoßen. Bisher ist es ein Spezialarchiv für die Geschichte des einst bedeutendsten Bundesstaats im Deutschen Reich, Preußen. Die Zerschlagung birgt die Gefahr, dass es einfach zu einer Außenstelle des Bundesarchivs wird – und damit die Preußenforschung hinter der zeitgeschichtlichen Forschung anstehen müsste.

Mit Protesten ist auch angesichts des Vorschlags zu rechnen, die Staatsbibliothek aus dem Verbund der SPK herauszulösen. Bibliothekare fordern das schon lange. Ein solches Vorgehen ergibt aber eigentlich nur dann Sinn, wenn die liebevoll Stabi genannte Staatsbibliothek vereinigt würde mit den beiden anderen großen Bibliotheken des Bundes, der Deutschen Nationalbibliothek in ihren beiden Häusern in Leipzig und Frankfurt am Main. Doch diese sind reine Belegbibliotheken und dienen zumindest hauptsächlich der Absicherung von Urheberrechten. Die Stabi hingegen ist eine Forschungsbibliothek. Hier würde der Bund sich also vorwagen auf ein Gebiet, das bisher genuin Ländersache ist. Die Neustrukturierung ist also auch eine Herausforderung für den deutschen Föderalismus.

Fatal erscheint ferner der Vorschlag, die Staatlichen Museen je zur Hälfte vom Bund und vom Land Berlin tragen zu lassen. Letzteres hat in seiner Museumspolitik der vergangenen 30 Jahre gezeigt, dass es schon mit der Oberaufsicht und Organisation der städtischen Museen kaum zurande kommt. Dass etwa die Berlinische Galerie heute ein eigenes Haus hat, ist nicht dem Land zu verdanken, sondern der unermüdlichen Initiative des einstigen Trägervereins und der damaligen Direktionen. Berlin nun auch noch die Organisation des Humboldt-Forums, der Museumsinsel, des Wissenschaftszentrums in Dahlem, des Kulturforums auch nur ansatzweise mit zu übergeben, die Verantwortung für Nofretete oder Gemäldegalerie oder die Nationalgalerie zu überantworten, wäre mindestens kühn zu nennen.

Ohne vorgreifen zu wollen, zeichnet sich in den nun bekannt gewordenen Eckdaten des Gutachtens der Versuch ab, die SPK und ihre Institutionen von oben zu reformieren, ohne die Mitarbeiter, die vielen Wissenschaftlerinnen und Kuratoren, Restauratoren, Technikerinnen, Bibliothekare, Archivarinnen und Verwaltungsfachleute mitsamt ihrer Expertise einzubeziehen. Mitten in die Sommerferien hinein wird nun ein angesichts der wichtigsten deutschen Kulturinstitution überaus ambitioniertes Veränderungsszenario eröffnet, dass weit mehr Fragen aufwirft, als es zu beantworten scheint.