Gegen das klassische Buch kann man vieles ins Feld führen: Es ist schwer, riecht nach Klebstoff und züchtet Hausstaubmilben. Man benötigt große Wandflächen, die man mit teuren Regalen verstellt und hat keinen Platz mehr für die Sammlung von Gemälden und Fotografien, mit denen man sich gerne in den eigenen Räumen umgäbe. Zudem findet man in einem klassischen Buch kaum etwas wieder. Selbst wenn man eine Zitatsammlung anlegt, ist man immer noch von der Nummerierung der Seiten jener Ausgabe abhängig, die man vor vielleicht zwanzig Jahren einmal gelesen hat.
Jeder, der schon einmal umgezogen ist, der Arbeit und Wohnen nicht an einem Ort konzentriert, der im Winter gern auf die Kanaren fährt oder schon einmal eine Volltextsuche benutzt hat, auch jeder, dem die Ökologie am Herzen liegt, kann nicht im Ernst sein Herz ans bedruckte Papier hängen. Wer schon einmal versucht hat, beim Schreiben eines historischen Romans ein Zeitungsarchiv mit Mikrofiche und Lesegerät zu benutzen, weiß was Verzweiflung ist. Zum Glück gibt es ein Projekt deutscher Universitäten, die das komplette Archiv der Londoner Times digitalisiert haben und ausgewählten Geistesarbeitern gern einen kostenlosen Zugang zur Verfügung stellen. Man spart beim Schreiben seines Romans schnell ein paar Monate und damit viel Geld.

Für jeden, der am Inhalt interessiert ist, an der Ökonomie der Bibliotheken der Welt, ist die Digitalisierung nicht weniger als jener Sprung, den das Handwerk vor bereits 150 Jahren mit der Elektrifizierung machen konnte. In ihrer Folge sind viele Berufe überflüssig geworden, es gibt kaum noch Schmiede, Spengler, Fassmacher oder Hutmacher, selbst Buchbinder muss man heute suchen. Die Digitalisierung der Schrift wird nun den klassischen Buchhändler, dem man die Hand schüttelt und zum Wetter befragt, die Druckerei, das Lager und den Fahrer des Lieferwagens in die Not bringen, sich etwas Neues suchen zu müssen. Es handelt sich nicht um einen Verlust. Literatur wird billiger werden.

Autor im Nebenberuf

Mehr als die Hälfte der Kosten, die die Schrift auf dem Weg vom Autor zum Leser verursacht hat, fallen weg. Das ist natürlich eine gute Gelegenheit die chronische Unterfinanzierung der Quelle zu beheben. Es ist genügend darüber geschrieben worden, wie schlecht Autoren generell verdienen: Elfriede Jelinek erzählte mal, sie habe nie von ihren Büchern leben können, einzige Ausnahme war der Roman „Lust“. Und selbst jener Glückspilz, der eine Million Leser hat, kann sich zwar ein Dachgeschoss in Berlin-Mitte leisten, aber keines in Manhattan. In quasi jedem Beruf, den ein professioneller Autor auch hätte wählen können, verdiente er mehr und hätte die Chance auf eine solche Immobilie, Altersversorgung inklusive. Alle im Buchgeschäft sind Profis, außer dem Autor. Der ist meist Autor im Nebenberuf.

Bedenkt man nun, dass ein Roman um die zwanzig Euro kostet, dass man mit ihm eine Reise unternimmt, von der man verändert, bereichert, gereift zurückkehrt, nach der man buchstäblich ein anderer geworden ist, so wird klar, dass die Diskussion um Preise von elektronischen Büchern der Gipfel der Spießigkeit ist. Zwanzig Euro sind schließlich in der Pizzeria schneller verspeist, und vom Befahren einer Autobahn im Kleinwagen brauchen wir hier erst gar nicht anzufangen. Dies ist der Grund, warum ich gar nicht bange bin, ob meine Leser auch in Zukunft einen angemessenen Preis für meine Bücher bezahlen werden, solange nur der Service stimmt. Cora Stephan hatte auf das Liebesverhältnis zwischen Autor und Leser hingewiesen, und auch wenn mir das ein leicht übertriebener Vergleich scheint: Respekt besteht zwischen ihnen auf jeden Fall.

Gegenseitiger Respekt ist auch genau das, was zwischen Spießern nicht existiert. Der Spießer ist jener Mensch, der sich seiner selbst unsicher ist. Er fühlt sich schon beim Blick über den Gartenzaun durch den dort beobachteten anderen Lebensstil infrage gestellt und existenziell bedroht: Was tun, wenn der Nachbar das bessere Lebensmodell hat? Statt sich seiner selbst gewiss zu sein oder dies wenigstens zu versuchen, schimpft der Spießer lieber auf den Nachbarn. Er freut sich nicht über die Vielfalt unseres freien Miteinanders, in dem sich jeder stets korrigieren und verbessern, sprich verändern kann. Der Spießer ist unfrei.

Im steten Fluss der Tweets schimpfen die Nerds und ihre Partei, die Piraten, so auf die als bürgerlich erkannten oder sich selbst etwas ungelenk so bezeichnenden Autoren. Die Bezeichnung Urheber wird verwendet wie einst die Hausbesetzer von den Kapitalisten redeten. Es handelt sich ja auch um die Kollision zweier Kulturen, die jetzt zusammenwachsen. Wie die Bautrupps der Sanierer in den Prenzlauer Berg, den Friedrichshain und Kreuzberg einzogen, so zieht die Gesellschaft jetzt in den Cyberspace ein. Es handelt sich um eine Gentrifizierung gegen die sich die Hausbesetzer, die es sich in der Gesetzlosigkeit bequem gemacht hatten, mit aller Gewalt wehren. Die Computerfreaks verwechseln dabei Anonymität und Schattendasein mit Freiheit. Letztere entsteht aber gerade durch staatlich garantierte Unantastbarkeit der Person mit ihren Geheimnissen, wie wir das im Zahlungsverkehr, bei Post und Telekommunikation, beim Arzt und Anwalt seit jeher schätzen.

Dem anderen den Geniestatus missgönnen

Bei Kriminalität muss der Schutz des Verdächtigten freilich aufgehoben werden, ob es um Steuerhinterziehung geht oder um Mobbing und Rufmord, die im Netz scheinbar virtuell begangen im Leben zu Selbstmorden geführt hat.

Bis vor Kurzem war es Steve Jobs, der als einziger verstanden hatte, wie jemand tickt, der einen Computer benutzen möchte, sich für den Computer selbst aber gar nicht interessiert. Der Technospießer interessiert sich mehr für den Computer als für seine Möglichkeiten. Deshalb wirkt er so wie einst der von der CD begeisterte, der in der Pause zwischen den Musikstücken genau hin hörte, ob noch Störgeräusche wahrzunehmen waren. Die Musik selbst entging ihm dabei, sie interessierte ihn nicht.

Der Verteidiger der angeblich so warmen Buchkultur des Papiers ist dabei nicht minder spießig, er gibt mit Inbrunst jenen albernen Warner und Mahner, der mit der Erfindung der CD und der Rhythmusmaschine das Ende aller menschlich gemachten Musik gekommen sah.

Wie damals so dampft und wabert auch heute in fast jedem Statement der Begriff vom Genie durch die Zwischenzeilen. Das ist der Gipfel aller Spießigkeit, das unerreichbar Andere, das man selbst gern wäre und in sich doch schon gefühlt hat oder ahnt. Bin ich, der einsame Komponist mit meiner auf dem Papier kratzenden Feder, meiner Armut und Alkoholsucht nicht das Genie? Bin nicht ich es, der Techniker mit meinen Oszillografen, den schwarz-grünen Bildschirmen, Formeln, neuen Vokabeln, der Vision, die der Nichtwisser als Spinnerei bezeichnet? Das funktioniert im Fanatismus des Spießers auch als Zuschreibung: Ist nicht der Autor mit dem in die Weite schweifenden Blick und seinen genialen Einfällen, derjenige der über den anderen Menschen steht und die Welt erklärt, oder ist es der anarchische Freund der neuen Technik, die ihm natürlich keine Angst macht, sondern die seit Ewigkeiten gesuchte Freiheit endlich schenkt?

Wir beobachten zwei vermeintlich Aussterbende, die sich im Rückzugsgefecht neu zu erschaffen suchen und dabei dem anderen nicht den Geniestatus und nicht die Butter auf dem Brot gönnen. Doch so neu werden sie sich gar nicht erfinden müssen, wenn jetzt auch der Cyberspace ein geregelter Raum wird.