Vielleicht ist es eine Frage der Mentalität: Revolutionen in Deutschland laufen geordnet ab. Das E-Book, in den Neunzigerjahren erstmals als Gespenst in den Träumen der klassischen Buchhändler aufgetaucht, lässt sich heute nicht nur online, sondern auch in den meisten Buchläden erwerben. Doch es schickt das gedruckte Buch nicht vom Markt (siehe Seite 24).

Ein E-Book ist ein ganz wunderbares Medium. Auf lange Urlaubsreisen kann man nun gehen, ohne für Übergepäck zahlen oder sich mit zerlesenen Schmökern aus der Hotelbibliothek zufrieden geben zu müssen. Nicht jung und hip ist das Lesen am Gerät, sondern praktisch und schriftgrößenverstellbar.

Aus der Wolke

Vielleser preisen den Segen, sich nicht mehr entscheiden zu müssen, welches Buch sie einstecken, denn die digitale Bibliothek hängt griffbereit in der Cloud. 2013 kauften eine Million mehr Menschen als im Vorjahr digitale Bücher, hochgerechnet aus einer Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung. Doch die wenigsten von ihnen möchten sich in einer Entweder-oder-Frage ganz für das Buch aus der Wolke entscheiden. Sie schätzen es, wenn sie außerdem noch etwas zum Anfassen haben, ein Buch fürs Regal, für den Couch- oder Nachttisch.

Im Bereich der Wissenschaft sieht das ganz anders aus. Da gibt es zwar noch die großartigen Bibliotheken mit den Schätzen aus den Jahrhunderten, und es wird sie hoffentlich immer geben. Doch in der wissenschaftlichen Literatur ist das E-Book das Medium der Wahl, weil es ständig aktuell gehalten werden kann. Damit wird der Geschwindigkeit der Forschung Rechnung getragen. Das elende Warten, wann eine Erkenntnis auch publiziert werden kann, gehört der Geschichte an. Und da erweist sich bereits der Name E-Book als veraltet. Denn der herkömmliche Rahmen eines Buchs mit Anfang und Ende wird in der Wissenschaft gesprengt. Hier werden mittlerweile Datenmengen angeboten und verkauft, die je nach Bedarf einer Person, Bibliothek oder eines Instituts zugeschnitten sind. Ein Abonnement dafür ist viel flexibler, als es der Bezug mehrbändiger Lexika je war.

Bei Anruf Mord

Auch in der erzählenden Literatur probieren Verlage neue Wege aus – ganz auf Augenhöhe mit den Lesern, um eine Wendung des Berliner Kulturstaatssekretärs aufzugreifen. So kann man sich übers Internet in das „Plankton“-Projekt Walter Kempowskis einklinken, selbst Fragen beantworten und damit eingemischt werden in das Stimmen-meer des 2007 gestorbenen Autors. Das wäre in der althergebrachten Weise des Büchermachens nicht möglich gewesen. Ulrike Draesner hat parallel zu ihrem Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ eine Internetseite erstellt mit Stichworten, Tondokumenten und Filmen, die ihre Recherche illustrieren und die im elektronischen Medium Themen des Buchs weiterführen.

65 Prozent aller Verlage haben E-Books im Programm, die großen Verlage bieten alle E-Books an. Rowohlt verschickt seinen Thriller „Deathbook“ in Episoden elektronisch, überrascht die Empfänger zugleich mit Gruselbotschaften am eigenen E-Mail-Account und Telefon. Bastei Lübbe lädt seine Leser in die Community ein. Der Carlsen-Verlag sendet Geschichten für Jugendliche direkt aufs Handy.

Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern bedeutete eine Revolution, die im Lauf der Jahrhunderte Mönche arbeitslos und Unwissende klug machte. Die jetzige Revolution der Buchproduktion verläuft sicher schneller und vielgestaltiger, aber auch nicht so rasant wie ein Umbruch. Das Lebensgefühl der deutschen Leser wandelt sich langsam. Und viele wollen so bleiben, wie sie sind.