Alexandra Drewchin alias Eartheater.
Foto: PAN

Zu den seltsamsten Musikstücken gehören derzeit wohl die Lieder von Alexandra Drewchin alias Eartheater. Nachdem sie Anfang der Zehnerjahre mit experimentellen Psychrockern erste noisige Erfahrungen sammelte, hat die New Yorkerin mit russisch-britischen Wurzeln akribisch an einem Pop-Sound gearbeitet, in dem das Organische und das Künstliche – also das Elektronische und das Akustische – und so das Erdschwere und das Aerosole in ständiger Verschlingung leben. Das ist eine Klangwelt wie im Feld gegensätzlicher Magnetpole. So also auch in ihrem Musikvideo zur Single „How to Fight“ aus dem neuen Album „Phoenix: Flames Are Dew Upon My Skin“.

Darin schlängeln sich die Körper von Eartheater und der Tänzerin Chucky Rosario in eigenartig verformten Bewegungen, die Gliedmaßen sind ein Durcheinander aus nackter Haut und hellhäutigem Spandex – dazwischen: Bilder von Eartheaters Covergestalt als geflügelte Amazone, aus deren Schoß Funken wie beim Stahlschweißen sprühen.

Die Musik dazu besteht aus einer leicht gestrummten, akustischen Gitarre, in die sich rotorisches Knarren, ein fast lebendiges Quietschen wie von kleinen, bösen Tierchen mischt, und worin ihre Stimme in einer Art ätherischem Chor schwimmt: „I know how to fight, I know how to fuck, I know how to die, I know how to ressurect my pride“, singt sie.

Eartheaters Musik kommt aus einer, wie das britische Musikmagazin „The Wire“ sehr richtig schrieb, unerschrocken physischen Performance. Sie ist sich, betont sie in Interviews, der geschmeidigen Stärke ihres Körpers sehr bewusst und sie bewegt sich damit ähnlich unorthodox, wie mit der in unwirklichste Gipfel abhebenden Stimme. Jedoch geht es ihr weniger darum, die Grenzen zu übertreten, als sie zu verwirren, zu einem Eindruck reiner Sinnlichkeit, in der Verführung, Bedrohung und Eigensinn zugleich wirken.

Neben „How to Fight“ ist „Volcano“ der herausragende Popsong

Die Texturen der bisherigen Alben bauten noch stärker auf den Gegensätzen der musikalischen Quellen. Auf dem selbst produzierten „Phoenix: Flames Are Dew Upon My Skin“ dagegen, erschienen beim Berliner Label PAN, sind die zahlreichen Harfen, Streicher, Gitarren nicht nach Natur gecastet, sie bewegen sich im Spannungsfeld von Nähe und Fremdheit. Daraus entstehen hier auch einige schroff oszillierende Instrumentaltracks. Vor allem jedoch überrascht auf dem Album, wie songfähig die Ergebnisse von Eartheaters Experimenten ausfallen. Der neben „How to Fight“ herausragende Popsong ist „Volcano“, der zugleich beispielhaft für das gesamte Album steht.

Mit der Naturgewalt im Titel, verbindet er im Text den Vulkan und die glühende Lava mit Liebe und mit tränenvoller Asche. In der stark akzentuierten Musik verschieben sich dabei romantische Klaviertöne in ein hohes, verfremdetes Abseits, so wie ihr dunkler Ton in überzeichnete Helligkeiten wegdriftet, von vielfach verhallten und gelayerten Gegenstimmen verdrängt.

Auf diese Weise entsteht eine Art Folk-Pop aus einer Welt nebenan. Die Melodien, die Klänge, die Stimmen, die Sehnsucht, das Begehren klingen dunkel vertraut, aber wie nie gehört – als würden sie von fern zurückgespiegelt, damit wir sie noch einmal ganz anders, ganz neu erleben können.

Eartheater – „Phoenix: Flames Are Dew Upon My Skin“ (PAN)