Diese Sensation kam als Leihgabe aus den USA nach Potsdam: „Vase mit Mohnblumen“, 1886. Einst Ikone des Museums Hartford in Connecticut, galt es seit 1987 wegen seines Lasurstils als Fälschung. Die neueste Forschung aber gab ihm unlängst das Echtheitszertifikat zurück.
Foto: Leihgabe Museum Hartford

PotsdamVan Gogh und keine Ende. Nach publikumsmagnetischen Bildversammlungen in Paris, London und ’s-Hertogenbosch eröffnen nun fast gleichzeitig im Potsdamer Barberini und im Frankfurter Städel-Museum Ausstellungen mit Bildern des Niederländers (1853-1890). Der Hunger nach der Kunst dieses Vorreiters der Moderne ist ungestillt.

Seinerzeit war er ein verkanntes, in bloß zehn Jahren gereiftes Genie. Er lebte in Armut, suchte obsessiv des Pudels Kern in der Malerei. Er war mehrmals unglücklich verliebt, wegen der Abweisung der Melancholie und dem Wahnsinn verfallen. Heute sind seine Bilder so rar wie unbezahlbar. Das alles macht den Mythos Van Gogh aus.

Ironie der Kunstgeschichte

Es ist aber auch die Ironie der Kunstgeschichte. Sie repetiert liebend gern und wirkmächtig das Skandalöse: Das für Gefährten unerträgliche Verhalten des Pastorensohns und Sonderlings aus Groot-Zundert, seine Rastlosigkeit, die permanente materielle Bedürftigkeit, das abgeschnittene Ohr, das Psychiatriejahr in der Provence, der mutmaßliche Suizid im französischen Auvers prägen die Legende.

„Selbst mit Strohut“, 1887 , drei Jahre vor seinem Tod
Foto: Imago/Van Gogh Museum Amsterdam

Wie wohltuend, dass es jetzt neben dem Mythos einmal vornehmlich um den freilich eng mit der schwierigen Biografie verschränkten Malstil und dessen Wirkung auf die Kunst der Moderne bis heute geht. Dass Van Goghs Schaffen doch nicht auserzählt ist, beweist das Barberini in dieser erlesenen Schau des Chefkurators und Van-Gogh-Forschers Michael Philipp. Wer nun erwartet, auf die delirierenden Nachthimmel und ein Defilee der zum Label gewordenen, von der Souvenir-Industrie arg vernutzten Sonnenblumen zu treffen, könnte enttäuscht sein.

Symbol des Lebens

Als erstes Ausstellungshaus der Welt widmet das Barberini sich ausschließlich den Stillleben Van Goghs. 170 hat er hinterlassen, ein großer Anteil des stillen Genres unter seinen insgesamt 864 Gemälden. Das Museum bekam 27 Leihgaben, aus dem Van-Gogh-Museum Amsterdam, aus dem Kröller-Müller-Museum Otterlo, sowie aus Sammlungen in aller Welt.

Wir stehen vor Vincents allerstem Bild. Da war er 27 und malte einen Kohlkopf und Klompen (Holzpantinen). Am anderen Ende der Schau hängt das letzte Stillleben, wenige Wochen vor dem Tod gemalt: eine Kastanienkerze in voller, geradezu expressiver Blüte. Symbol des Lebens.

Wir sehen, wie er sich an der niederländischen Stillleben-Tradition des 17. und 18. Jahrhunderts, am rembandtesken Licht auf dunklem Grund abarbeitete. Dafür aber nahm er keine exotischen Gegenstände wie seine Vorfahren aus dem Barock. Er wählte in inniger Nähe zur Natur Kartoffeln, Zwiebeln, Kohlköpfe, Kürbisse, Gräser, verschrumpelnde Zitrusfrüchte als morbide Symbole der Vergänglichkeit, schlichte Feld- wie Gartenblumen, in denen er die Schönheit der Natur beschwört. Und sogar die eigenen groben Schuhe, wie zum Zeichen des Ankommens und des Weglaufenwollens.

All diese eher banalen Dinge erhob er zur Kunst, gab ihnen ein Eigenleben. Noch im düstersten Vogelnest glühen geheimnisvoll alle Farben dieser Welt leidenschaftlich auf. Und erst recht pulsiert das Leben, wo er Natur und Gegenstände im Kolorit des französischen Südens auf die Leinwand setzte, mit den Komplementärfarben experimentierte, seinen markanten Personalstil gefunden hatte. Der Einfluss des japanischen Farbholzschnittes verstärkte die Wirkung.

Motive der Selbstvergewisserung

Jedes Motiv ist mit persönlichen Bezügen symbolisch aufgeladen: Flaschen, derbem Bauerngeschirr, Pfeife, Briefe, Kerzen. An den Bruder Theo schrieb Van Gogh: „Ich übernehme von der Natur eine gewisse Reihenfolge und Genauigkeit der Platzierung der Töne, ich studiere die Natur, damit ich keinen Unsinn mache und vernünftig bleibe; doch ob meine Farbe buchstäblich genau dieselbe ist, daran liegt mir nicht weiter viel, wenn sie nur auf meinem Bild gut wirkt …“

In zwei gegenüberliegenden Saalfolgen werden die Nature-Morte-Motive geradezu feierlich auf dunklem Wandgrund und in kostbaren Prunkrahmen zelebriert. „Stillleben malen ist der Anfang von allem“, schrieb der Maler 1884 an Theo, seinen einzigen Mäzen. Ihm ging es nicht nur um die Wiedergabe der Gegenstände, sondern darum, der Natur und den Dingen Leidenschaft zu verleihen. All diese stillen Bilder dienten Van Gogh auch zur Selbstvergewisserung.

Die Mohnblumen sind echt

Nicht zuletzt reagierte er so auf den übermächtigen Impressionismus, den er in Paris zwischen 1886 und 1888 kennenlernte und aufsog wie ein Schwamm – um sich bald darauf davon abzusetzen. Mit einem eigenwilligen, keiner Mode gehorchenden Stil, der dennoch im letzten Jahrhundert gewiefte Fälscher auf den Plan rief.

In einem der beiden Säle hängt eine Sensation. Das Bild ist ein widerlegter Irrtum, ein ausgeräumter Zweifel: Forscher des Van-Gogh-Museums Amsterdam stellten vor Monaten die Echtheit der „Vase mit Mohnblumen“ fest, gemalt 1886 unter dem wohl überwältigenden Eindruck der Pariser Impressionisten. Über 30 Jahre lang galt das faszinierende Gebinde − einst das Juwel des Hartford-Wadsworth-Atheneum-Museums im US-Staat Connecticut − als Fälschung und lagerte verachtet im Depot. Dorthin gelangt war das Van-Gogh-untypische, in Lasurtechnik statt mit dem strich- oder kommaartigen Stakkato gemalte Motiv Ende der 1950er-Jahre durch eine private Schenkung.

Vor Monaten gelangten die Forscher des Van-Gogh-Museums Amsterdam mit neuesten Hightech-Untersuchungen, Stil- und Pigment-Analysen zu dem Ergebnis: Die Mohnblumen sind echt. Auch enthält ein Brief von 1886 an den Freund Horace Livens die Schilderung, wie er den Sommer damit verbrachte, einfache Blumen zu malen: Mohnblumen.

Die Mohnblumen wachsen aus der weißen Vase förmlich heraus, glühen, recken uns ihre geöffneten Blätter und ihre noch verkapselten Knospen entgegen. Der Hintergrund in Blau und Schwarz deutet ein wenig den typischen Van-Gogh-Himmel an. Der Streit um das Bild ist Vergangenheit. Nun hängt es wieder im Licht, feiert Wiederauferstehung in Potsdam.

Museum Barberini Potsdam

Alter Markt, Humboldtstr 5–6, vom 26. Oktober bis zum 2. Februar 2020, Mi–Mo 10–19 Uhr, jeden ersten Do im Monat bis 21 Uhr, Katalog (Prestel) 29,95 Euro. Begleitprogramm mit Lesungen (u.a. Ulrich Matthes) und Gespräche: www.museum-barberini.com