Eckart Hübner, der neue Dekan für die Fakultät Musik an der Universität der Künste.  
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Aus den Fenstern der Universität der Künste (UdK) an der Bundesallee dringt bereits seit Monaten kaum noch Musik. Die großen, weißen Hallen sind menschenleer. Vereinzelt läuft ein Musiker mit Geigenkasten vorbei, oder ein Handwerker. Das Café ist abgeriegelt: Wie alle anderen Universitäten hat auch die Hochschule, die Musiker ausbildet, geschlossen. Für die Musikstudenten ist der Zustand der Isolation mehr als nur unangenehm: Sie brauchen den sozialen Kontakt, um gemeinsam musizieren zu können. Und sie brauchen ein Publikum, das ihnen zuhört. Wie kann man mit all den Corona-Einschränkungen Musik studieren? Eckart Hübner, Hochschulprofessor für Fagott und Solo-Fagottist beim SWR-Sinfonieorchester, ist ab September neuer Dekan der Fakultät Musik an der UdK und beschreibt höchst unterschiedliche Reaktionen seiner Studenten auf den Ausnahmezustand.

Herr Professor Hübner, in welchem Zustand befindet sich die UdK?

Wir sind seit März geschlossen. Bis vor wenigen Wochen waren wir komplett zu. Seit Ende Mai können wir wieder erste Formate ausprobieren.

Wer entscheidet, was Sie machen dürfen?

Alle Kunsthochschulen werden wie Universitäten behandelt. Das bedeutet, dass wir direkt mit dem Staatssekretär beim Regierenden Bürgermeister, Steffen Krach, zu tun haben. Man kann aber die Arbeitsweisen unter Corona-Bedingungen nicht vergleichen. Eine Vorlesung kann ich digital machen oder streamen, wissenschaftliche Formate sind im Internet gut machbar. Die Ausbildung zu einem künstlerischen Beruf ist dagegen ganz etwas anderes.

Wie versuchen Sie, den Unterricht langsam wieder zum Laufen zu bringen?

Wir überlegen uns, welche Formate mit welchen Hygiene-Vorschriften möglich sind. Wir stimmen dann jede Maßnahme mit unserer Betriebsärztin und dem Gebäudemanagement ab. Dann schlagen wir ein Format vor, das wir machen wollen, und hoffen, dass es genehmigt wird. Viele der Entscheidungen, in welcher Form wir musizieren, werden von der Berufsgenossenschaft getroffen. Die Politik reagiert im Grunde auf die Vorgaben der Berufsgenossenschaft, die wiederum versucht, den medizinischen Forschungsstand zu „übersetzen“ und auf verschiedene Berufe anzuwenden.

Was versteht man unter einem „Format“?

Wir können nur Musik machen mit Ensembles, die den Hygiene-Vorschriften entsprechen. Bis Ende Mai konnten alle nur online unterrichten. Die Anzahl der Personen, die jetzt erlaubt ist, richtet sich seit der teilweisen Öffnung nach der Raumgröße. Besonders betroffen sind die Chöre. Der Staats- und Domchor konnte nicht proben, sondern musste in Gruppen von drei oder vier Jungs proben. Die Streicher müssen 1,5 Meter Abstand halten. Bei den Bläsern waren es anfangs drei Meter. Das ging gar nicht. Jetzt sind wir bei zwei Metern. Es gibt im Moment keine öffentlichen Veranstaltungen in der Uni. Grundsätzlich sind beim gemeinsamen Musizieren 10 Quadratmeter pro Person vorgeschrieben. Ein Streichquartett plus Lehrer braucht also mindestens 50 Quadratmeter.

Das klingt nicht gerade nach spontanem Musizieren …

Man kann sehr vieles organisieren. Anderes kann man nicht organisieren, weil man bestimmte Dinge nicht digital unterrichten kann. Denken Sie an Schulmusiker, Instrumentallehrer oder Chorleiter. Die brauchen den direkten Kontakt zum Menschen.

Kann man einen Musiker überhaupt digital ausbilden?

Es gibt Dinge, die kann man digital machen, wie das Besprechen von Werken und technische Fragen. Andere Dinge gehen gar nicht: Klang, Atmosphäre, Spannung, Phrasierung oder Feinmotorik. Das kann man nur direkt von Mensch zu Mensch kommunizieren. Es ist auch nicht möglich, über das Internet im Ensemble zu spielen. Man kann dort wegen der Verzögerung nicht zusammenspielen.

Gemeinsam mit Mindestabstand zu spielen stelle ich mir auch schwierig vor …

Es ist interessant: Das kann eine sehr gute Übung sein. Wir haben neulich von Varèse das Oktett gespielt, mit großen Abständen. Man muss sehr genau aufeinander hören. Man wird achtsamer. Man wird gezwungen, noch präziser auf die Mitspieler zu hören. Der Abstand erfordert noch mehr Disziplin. Das kann gut sein. Aber man möchte es natürlich nicht immer machen müssen.

Wie geht es den Musikstudenten in der Krise? Musiker sind ja oft Einzelgänger, brauchen daher umso mehr ein soziales Umfeld.

Zunächst haben die Studierenden ganz praktische Probleme. Sie können nicht reisen und sitzen in ihren Heimatländern fest. Ganz viele kommen aber auch existentiell an ihre Grenzen.

Warum?

Viele Studierende überleben normalerweise nur, weil sie sich etwas dazuverdienen. Alle diese Aufträge sind seit Monaten weg. Dafür gibt es auch keinen Ersatz. Auch die staatlichen Hilfen sind nur bedingt sinnvoll: Ein Musiker hat kein Büro, keinen Laden, keine Fix-Kosten, die er begleichen muss und für die es staatliche Hilfen gibt. Aber die Musiker müssen essen und trinken, um zu überleben. Da gibt es keine Hilfen und auch keine staatlichen Gelder. Die Hilfen für die Soloselbständigen sind nicht für alle möglich.

Welche Folgen hat das für die jungen Leute?

Einer der unsinnigsten Sprüche ist, wenn jemand sagt: Künstler sind nur dann gut, wenn sie arm sind. Warum sollte jemand besser komponieren, wenn er hungrig ist? Künstler müssen genauso leben wie alle anderen Menschen auch. Für viele Musiker ist die Situation im Moment kritisch, weil der überwiegende Teil der freien Musiker von Monat zu Monat lebt. Sie haben keine Rücklagen, sind auf Auftritte angewiesen. Lange halten sie einen solchen Zustand nicht durch. Natürlich machen sich viele in dieser Situation Gedanken über die Zukunft.

Wer ist besonders betroffen?

Am meisten sind die Sänger betroffen. Viele haben sich bewusst für die freie Szene entschieden. Plötzlich ist Gesang das Gefährlichste, was es in einer Gesellschaft gibt. Für sie muss sich bald etwas ändern. Sie halten das höchstens noch ein paar Monate durch.

Haben die jungen Musiker heute mehr Zukunftsängste als sonst?

Das glaube ich nicht. In unserem Beruf hat man immer im Kopf, dass die Karriere schiefgehen kann. Das Gefühl kennen wir. Es ist aber schon denkbar, dass Leute, die tief im Inneren an sich zweifeln, nun in dieser Krise wirklich aussteigen, weil sie wissen: Ich werde es nicht schaffen. Und den meisten ist klar: Unter den gegebenen Umständen wird es noch einmal härter. Aber insgesamt haben junge Leute die erstaunliche Fähigkeit, positiv zu sein.

Wirkt sich die Corona-Zwangspause auch künstlerisch aus?

Es ist sehr interessant zu beobachten, dass die jungen Musiker sehr unterschiedlich reagieren. Ich habe eine Studentin, die ist allerdings schon fortgeschrittener. Als alles geschlossen wurde, sagte sie: Wunderbar, jetzt kann ich endlich die Stücke in Ruhe einstudieren, die ich immer schon machen wollte. Die kam deutlich verbessert aus der Pause zurück. Andere haben dagegen große Probleme, weil sie den regelmäßigen Unterricht und die Präsenz brauchen. Insgesamt fällt mir aber auf, dass die Studierenden viel öfter zu weinen beginnen in einer Stunde – und nicht nur in einer Stunde, wo es nicht läuft, sondern aus heiterem Himmel. Ich habe das Gefühl, dass der Stress schon sehr groß ist.

Merken Sie, dass weniger Leute Musiker werden wollen?

Das glaube ich nicht. Die Zahlen bei unseren Bewerbungen sind jedenfalls unverändert. Für uns hat Corona bei den Zulassungsprüfungen eine gravierende Veränderung gebracht, weil wie die Prüfungen nicht mehr persönlich abhalten konnten. In normalen Zeiten müssen wir jeden anhören, der sich bewirbt, wenn er oder sie nur die formalen Bedingungen – Alter und Abitur, und oft nicht mal das – erbringt. Das bedeutet, wir müssen uns insgesamt über die Fächer verteilt über 1000 Musiker live anhören. Das ist wegen Corona jetzt alles digital, also die Leute schicken ein Video.

Ist das besser oder schlechter?

Bei der Vorauswahl ist es besser.

Weil Sie nicht jeden Wald-und-Wiesen-Geiger anhören müssen?

In der Vorauswahl kann man schnell sagen, ob es jemand gar nicht kann oder Talent hat. Aber in der Endauswahl ist es sehr schwer, wenn es nur über Video geschieht. Das beginnt bei der Tonqualität und endet bei der Ausstrahlung. Außerdem gibt es welche, die nehmen ihre Stücke im Studio auf und andere zu Hause im Wohnzimmer. Da ist es schon sehr schwer, ein faires Urteil zu fällen. Auch bei bestimmten Disziplinen wie Schulmusik muss man sich ein Bild von der Persönlichkeit der Kandidaten machen, das kann man eigentlich nur im direkten Gespräch.

Was fehlt den Musikern am meisten?

Am meisten fehlt uns der Kontakt zum Publikum, das Live-Spielen. Das muss man auch lernen, und da fehlt den Studierenden schon etwas sehr Wesentliches. Die Ensembles sind alle ausgefallen. Das Bundesjugendorchester und die großen internationalen Jugendorchester haben nicht gespielt. Bei den Klassenabenden haben wir improvisiert, manchmal nur im ganz kleinen Kreis gespielt. Daher sind wir bestrebt, unsere Konzerte langsam wieder aufzunehmen. Unser „Konzert der Nationen“ mit dem Hochschulorchester im November wollen wir unbedingt machen. Es ist natürlich ganz etwas anderes als früher: Statt 1200 Zuhörer dürfen nur 280 in den Saal. Allerdings fehlt für die Öffnung der Hochschule zum Wintersemester im Moment noch die Erlaubnis der Politik. Wir brauchen für eine halbwegs seriöse Ausbildung aber diese Öffnung, natürlich mit den notwendigen Hygiene-Auflagen.

Gibt es irgendetwas Positives, das Sie in der Krise sehen?

Zum einen waren viele sehr kreativ, etwa, indem sie Programme in kleinen Besetzungen zusammenstellten. Dadurch kamen Werke zur Aufführung, die es verdient haben, gehört zu werden, bisher aber eher vernachlässigt wurden. Das Wichtigste aber ist, dass viele Leute erkannt haben, was ihnen fehlt, wenn es keine Live-Musik und keine Konzerte mehr gibt. Das spüre ich ganz deutlich, dass es hier ein neues Bewusstsein gibt. Jetzt ist es nötig, diesem Bedürfnis auch im politischen Raum Gehör zu verschaffen. Musik ist Teil der Gesellschaft. Wir brauchen Musik genauso wie Krankenhäuser, Restaurants oder Tankstellen und vielleicht sogar dringender als Fußball, und das sage ich als ein glühender Fußball-Fan!

Das Interview führte Michael Maier