Ed Sheeran in Berlin Konzertkritik: Der junge Mann ohne Eigenschaften

Berlin - Über Deutschland befand sich das barometrische Maximum Ludwiga. In Berlin stand die milde Lufttemperatur im ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, Auf- und Untergang der Sonne und des Mondes entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Onlinediensten. Die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort: Es war ein schöner Märztag im Jahr 2017, und Ed Sheeran war in der Stadt.

Sheeran sang gemeinsam mit den Leuten seine Lieder

Der erfolgreichste Popkünstler der Gegenwart hatte die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof gebucht und mit 14.000 Leuten ausverkauft. Nun stand er überwölbt von einer Art Pilz aus zahllosen in Reihe schaltbaren Screens, spielte seine Gitarre und sang gemeinsam mit den Leuten seine Lieder. Dass sie auch die jüngeren, vom laufenden dritten Album „÷“ („divide“) schon auswendig kannten, bemerkte der Brite mit liebevoll dargestelltem Staunen.
Aber es war natürlich genau so zu erwarten gewesen: Zur Zeit steht „divide“ – wie schon der (u.a.) Grammy-, Brit Awards und Echo-bekrönte Vorgänger „x“ („multiply“) – überall  an der Spitze der Charts (außer in Frankreich, dessen Sheeran-Resistenz man  angesichts seines zweiten Platzes unter Tagesform wegsortieren kann). Und immerhin hatte schon das verhältnismäßig eher lokal berühmte Debüt „+“ („plus“) um die vier Millionen Alben verkauft.

Der Mann ist irre professionell

Wer ihn wie ich 2011, nach den ersten selbstverlegten EPs und der Single „A-Team“, noch in der musikalischen Sphäre der TV-Wettbewerbe verortete und dann vergaß, der steht nun etwas verloren vor dem Phänomen: Der Mann ist irre professionell. Hinter ihm rasen die Naturgewalten über die Bildschirme – Sternenhimmel, Wolken, Tiefseeszenen, All – oder rauschen grobpixlige Liveporträts mit stilisierten Zeitungsausrissen vorbei, als sei Sheeran, Jahrgang 1991, schon seit Anbeginn der Pop-TV-Zeiten unterwegs.

Davor steht der kleine Ed, mit seinem runden, rothaarigen Sams-Gesicht und dem unaufhörlichen Lächeln – und hat nicht nur die große Halle mit ihren vielen jungen Mädchen sofort unter Kontrolle. Er bleibt da oben auch knapp zwei Stunden ganz allein mit seinen akustischen Gitarren. Nur kurz spielt er elektrisch, und einmal holt er sich den Keyboarder der Vorband auf die Bühne.

Sheerans Marktsegment ist der Perfektions-Pop

Es scheint, als ob er tatsächlich die ganze Musik live am Loop-Pedal einspielt. Er trommelt auf den Gitarrenbauch, gibt noch einen Backbeat dazu, spielt eine kringelnde Figur darüber, und haut dann die dynamisch-harmonische Akkordschicht drauf. Und während er dazu die  knabenhafte Stimme schmettern lässt, variiert er diese Unterlage.

Virtuoses Autoloopen wirkt schon in den sonst üblichen kleineren oder experimentelleren Zusammenhängen bemerkenswert. In Sheerans Marktsegment, also dem Perfektions-Pop, der sonst eher per Playback eingespielt wird, kommt dieses Lagerfeuerhafte durchaus spektakulär. Er würde jeden One-Man-Band-Wettbewerb gewinnen.

Popklischees der letzten vier Jahrzehnte

Der Kern seines Schaffens beruht auf Disziplin und Technik, und wenn man sich die beinah unwirkliche Treffsicherheit anschaut, mit der er Dutzende Singles in die Charts bringt, hat er, so eine verbreitete Kritikermeinung, einen Hit-Algorithmus gefunden, den er nun als fleißiger Pop-Ingenieur anwendet. Ihm kommt natürlich zugute, dass der Charts-Pop mehr auf Dynamik und Repetition als auf Entwicklung basiert.

Sheeran variiert dabei auf clevere und aufmerksame Weise Popklischees der letzten vier Jahrzehnte, von den Doobie Brothers zu Kanye West. Er rappt ebenso lauthals wie er singt, er klopft HipHop-Beats und schrammelt Indiepop und steigt U2-haft auf, pocht R&B-Muster und schlägt Paul Simon-Rhythmen. Dazu kann er auch noch jedes geografische Klischee imitieren, von ghanaischen Juju-Mustern (die er live auslässt) über spanische Gitarren zu irischem Folk.

Ängste und Wunden

So geht es auch in den Texten. Er beklagt wie Kanye West den Uniabbruch oder wie Drake die Schmerzen des Ruhmes, er kann in „New Man“ böse wie Elvis Costello sein und anderswo von Freunden, Eltern, Kleinstadtjugend erzählen wie im Feriencamp der Kirchenjugend. Er beginnt das Konzert mit „Castle on the Hill“ und den Worten: „Als ich sechs war, habe ich mir das Bein gebrochen“, und er beendet es mit einem lauthalsen: „You Need Me But I Don“t Need You.“

Dazu trotzt er dem Leben die Erkenntnis ab, dass „Geld die Wurzel allen Übels ist“; und er besingt in „Shape of You“ den Körper einer Frau, die er mit Van Morrison bezirzt.

Unbestreitbar funktioniert seine Formel im Konzert

Komischerweise bebildert er sie mit einem wuchernden Baum und Geröllblöcken auf den Screens. Insgesamt jedoch sind die Sehnsüchte, Ängste und Wunden der Texte umsichtig auf ein breites demografisches Mittel hin konstruiert.
Das sagt er selbst, wenn er in Interviews erklärt, dass er Singles mit Blick auf jeweils verschiedene Radiorotationen plant oder die skeptische Plattenfirma vom irisch getönten „Galway Gal“ überzeugt, weil es in den USA so viele irischstämmige Hörer gebe.
Unbestreitbar funktioniert seine Formel im Konzert, langweilig – ein Problem seiner Alben – ist es nicht, auch wenn er in den Ansagen nur plappert. Immer gibt es  den technologischen Aspekt oder die archivarische Schlauheit der Songkonstruktion. Nur später, wenn man in der milden Nacht steht, dann bleiben nur Mann und Sound ohne Eigenschaften.