Wenn du Kunst und Leben miteinander verwechselst, das ist der brutalste Kitsch“, sagt Herrmann, der angehende Komponist, einmal zu seiner geduldigen Freundin Helga. Zu finden ist die kleine, aber vielsagende Szene in den „Heimatfragmenten“, einer Sammlung von Schnittresten, die Edgar Reitz im Jahr 2006 als Nachtrag zu seiner „Heimat“ veröffentlichte. Tatsächlich hat es Reitz in seinem Lebenswerk immer wieder erreicht, Kunst und Leben in einem ganz eigenen Sinn in Verwechslungsgefahr zu bringen. Allein schon deshalb, weil seine epochale Film-Serie selbst ein Teil unserer Leben geworden ist. Wie das fiktive Nest im Hunsrück namens Schabbach zu einem mythischen Ort geworden ist.

Für einen seltenen Augenblick versöhnte diese „Heimat“, entstanden zwischen 1981 und 1984, das als elitär verschriene deutsche Autorenkino mit seinem Publikum. Vielleicht hatte Fassbinder etwas mehr Zuschauer gefunden mit seiner Arbeiterserie „Acht Stunden sind kein Tag“, vielleicht hat erst Geißendörffers „Lindenstraße“ die Massen wirklich erreicht. Aber dafür war „Heimat“ auch keine Seifenoper sondern ein kompromissloses Kino- oder Fernsehstück. Für alle, die damit aufwuchsen, die ihr Auge schärften an der unvorhersehbaren Abfolge von Farbe und Schwarz-weiß, die sich treiben ließen an die schillernden Ränder zwischen privaten und kollektiven Erinnerungen, ist dieser Film selbst schon ein Stück Heimat.

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