Grenzenlose Tragödie: Die in Nigeria von der Terrorgruppe Boko Haram entführten  Mädchen.
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Berlin„Es könnte schlimmer sein.“ Auf einmal gilt er nicht – dieser Satz, der trösten oder beschwichtigen soll und meist ja auch stimmt: Schlimmeres ist eigentlich immer denkbar. Was Maryam aber erlebt, ein junges Mädchen, das mit anderen zusammen aus einem Internat entführt wurde, um dann im Dschungelcamp der skrupellosen Entführer von einer grölenden Menge junger Männer öffentlich vergewaltigt, und ab dann in jeder erdenklichen Form versklavt zu werden: Da wird es schwierig, sich Schlimmeres vorzustellen.

 Nicht einmal der nächtliche Rückzug in den Schlaf bietet noch Sicherheit. Eines der Mädchen, das aus einem unpassenden Traum aufgeschreckt war, ist schon mit dem Herausschneiden der Zunge bestraft worden. Edna O’Brien, die große alte Dame der irischen Literatur, hat sich zum Ende ihres Lebens hin noch einmal tief hineinbegeben in das Thema der Gewalt gegen Mädchen und Frauen.

Sie war bereits Mitte 80, als sie während zweier Reisen nach Nigeria Kontakt aufzunehmen versuchte mit jenen Mädchen, die 2014 von Boko-Haram-Terroristen aus ihrer Schule entführt worden waren und denen die Flucht geglückt war. Boko Haram, die den Taliban nahestehen und weltweit die Scharia durchsetzen und westliche Bildung abschaffen wollen, gelten im Blick auf die äußerste Brutalität, mit der sie Dörfer niederbrennen und Menschen sadistisch hinmetzeln, als schlimmste Terrorvereinigung der Welt. Von mehr als hundert der 276 Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren, die sie im April 2014 verschleppten, fehlt bis heute jede Spur.

O’Brien traf etliche Überlebende in Aufnahmelagern. „Manchmal weinten sie, manche fragten, ob sie mit mir kommen könnten.“ Das Traurigste von allem sei für sie ein Mädchen gewesen, „das sich große Mühe gab, mir in aller Ausführlichkeit zu erklären, dass ihre Familie sie zwar liebe, aber trotzdem nicht zulassen könnte, dass sie wieder bei ihnen lebte.“ Die Familie hatte Angst, dass ihre Tochter so indoktriniert worden sei, dass sie von ihrem „bösen Geist“ angesteckt werden könnten. Gerade dieses Gespräch, so Edna O’Brien in einem Interview mit der Sunday Times 2019, habe sie mitten hineingeführt in ihr Buch.

Am Anfang hatte ein Artikel gestanden, in dem über ein Mädchen zu lesen war, das nach seiner Flucht mit seinem Baby im Wald zu überleben versuchte. Aber wie kann Überleben gehen, so angefüllt mit physischer Folter und geistigem Terror der „Umerziehung“, wie es nach zwei Jahren im Camp war? Für Maryam, die Hauptfigur in O’Briens Roman, ist die Zwangsheirat irgendwann fast ein Segen. Und dann kommt tatsächlich der Tag, an dem ihr zusammen mit ihrem Baby Babby und einem anderen Mädchen, Buki, die Flucht gelingt. Wildnis, Hunger, Verlorenheit heißen nun die Feinde. Nun sind die beiden überlebenden Mädchen einander ausgesetzt – geladen mit jener Gewalt und Hass, die ihnen angetan wurden.

Es ist nicht einfach, ein Buch literarisch zu beurteilen, das nicht nur moralisch über jeden Zweifel erhaben ist, sondern auch mit so viel Mut und Engagement erkämpft wurde. „Es war die Hölle“, sagte O’Brien im Interview. Weder ihre Romane zum nordirischen Bürgerkrieg noch derjenige zum Bosnienkrieg, hätten ihr so viel abverlangt wie dieser. Und wie überhaupt Worte finden, die ein von Schreckensnachrichten abgestumpftes Publikum tatsächlich erreichen?

Maryam schildert das schockierende Geschehen im Roman einerseits direkt und unmittelbar, andererseits schaut sie auch deutend und resümierend auf die Dinge, als ob sie Abstand hätte. „Wir konnten nicht sprechen. Wir waren zu jung, um zu wissen, was geschehen war oder wie wir es nennen sollten.“

Die Autorin hat diese Ich-Erzählerin aus verschiedenen Schicksalen zusammengesetzt, weshalb sie zunächst etwas konstruiert wirken. Das Problem dieser Erzählstimme löst sich im zweiten Teil des Buches auf, wenn Maryams dramatische Odyssee durch Polizeistationen, Militärkontrollen, Hilfsorganisationen und vor allem die verschiedenen Instanzen der Großfamilie erzählt wird, die ihr mit perfider Grausamkeit eine Art zweiten seelischen Tod zufügen. Höhepunkt des Zynismus ist der politische Festakt, in dem die staatlichen Würdenträger sich selbst feiern, während Maryam ihr Kind weggenommen wird. Gewalt ist eine Spirale.

Die grenzenlose Tragödie, die gerade unter Frauen entsteht, wenn diese im Griff von Autoritätsgläubigkeit, von Glaubens- oder Aberglaubenssystemen ihr Leben und ihre Kinder diesen Systemen opfern, hat Edna O’Brien, lebenslang literarische Anwältin unterdrückter Frauen, in Maryams Überlebensgeschichte eindrucksvoll erzählt.

Das Buch

Edna O’Brien:
Das Mädchen.


Roman. Aus dem Englischen von Kathrin Razum.  Hoffmann und Campe, Hamburg 2020.
248 S., 23 Euro