Kirill Petrenko, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker.
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BerlinDie Idee der Education-Projekte hatte Simon Rattle zu den Berliner Philharmonikern gebracht. Ihr Beitrag zur musikalischen Jugendbildung verschwindet hinter der nun erst recht verstetigten Misere des oft genug nicht erteilten Musikunterrichts an den staatlichen Schulen: Nur ein weiterer Fall, in dem die private Wirtschaft – die Finanzierung lief hauptsächlich über die Deutsche Bank – öffentliche Aufgaben übernimmt, mit den bekannten Fragwürdigkeiten. Der Hauptnutznießer waren auch hier nie die Kinder, sondern das Orchester und seine Bank, die nun als Wohltäter dastehen und versuchen, eine frühe Bindung des künftigen Konsumenten an die Marke herzustellen.

Wenn Kirill Petrenko in seinem ersten Education-Projekt vor allem mit jungen Sängerinnen und Karajan-Akademisten arbeitet und lediglich den aus sogenannten „Problembezirken“ rekrutierten Kinderchor der Philharmoniker, die „Vokalhelden“, als klassische Education-Zielgruppe einbezieht, erteilt er den Verschlagenheiten kapitalistischer Menschenliebe immerhin eine Absage.

Jetzt ist es eine Studenten-Aufführung, während Rattles Produktionen üblichen philharmonischen Hochglanz verbreiteten, gegen den sich die auf ihre Orff-Instrumente einschlagenden Kinder auf die Plätze verwiesen sahen.

Die Nonnen-Oper „Suor Angelica“

Auf dem Programm stand nun die Nonnen-Oper „Suor Angelica“ von Giacomo Puccini, ein Kinder nicht übermäßig ansprechendes Stück. Zumal in der Inszenierung von Nicola Hümpel und ihren Navigators. Hier treten keine Nonnen auf, sondern Frauen mit Verhaltensstörungen, die sie in einem Prolog mit Gezappel und Gestöhne darstellen. Dazu begleitet sie der in Berlin lebende Pianist Matan Porat mit einer an Stummfilm-Musik gemahnenden Improvisation über Motive aus der Oper. Sie tragen klinisches Weiß, und das Bühnenbild besteht aus einem flachgelegten Spind, in dessen Schubfächern sie ihre Wechselwäsche oder sonstiges Spielzeug aufbewahren.

Hümpel aktualisiert die Nonnen als Frauen auf spirituellem Selbsterfahrungs-Trip. Angelica wäre demnach keine Adlige, die man ins Kloster steckt, weil man die Schande ihres unehelichen Kindes kaschieren möchte, sondern einfach eine Egoistin, die sich um ihr Kind nicht kümmern mag? Identifizieren möchte man sich mit so einer Person nicht, und entsprechend zögerlich fällt die Empathie mit ihr aus.

Ann Toomey singt sie indes mit großartiger Emphase, einer geradezu widerstandslos ansprechenden Höhe, deren Neigung zum Schrillen sie gewiss noch zu beherrschen lernt, dass man ihr das Mitgefühl schwer versagen kann. Katarina Dalayman, die einzige lang erfahrene Sängerin des Ensembles, überbringt als ihre eiskalte Tante die Nachricht vom Tod ihres Kindes routiniert, aber in wirkungsvollem Kontrast. In dem durchweg sehr guten Ensemble fiel noch Sarah Laulan  mit bemerkenswert substanzieller Alt-Stimme auf.

Wunderschön ist die Musik

Weil die Produktion auf Zeitgemäßheit wert legt, ist auch eine Tänzerin dabei, denn das hat dann immer etwas mit Körperdiskurs im allgemeinen und Weiblichkeit im besonderen zu tun. Yui Kawaguchi verdoppelt oder konterkariert die Gefühle der Figuren in mal eindrucksvoller, mal rätselhafter Weise.

Wunderschön ist die Musik, die Kirill Petrenko mit den Karajan-Akademisten und Gästen zaubert. Gleich die ersten Klänge einer milden Glockenmusik bestricken, grandios die melodischen Steigerungen und Erfüllungen, die auch aus der orchestral reduzierten Fassung erwachsen können, und berückend auch das von den Vokalhelden gesungene Entschweben.

Petrenko zeigt die emotionale Wahrhaftigkeit, die an der Schwelle zum Kitsch geborgen werden kann. Dafür lohnt sich die enorme Präzision der Lektüre, die in der Regie durch Absicht zur Botschaft ersetzt wurde.