„Frau in der Sonne“ gehört zu den bekanntesten Werken des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882-1967).
Foto: Whitney Museum of American Art, New York

Dieses Bild gehört zu den bekanntesten des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882-1967). Es heißt „Frau in der Sonne“. Er malte es im Oktober 1961 in dem Dorf Truro auf der Halbinsel Cape Cod, südlich von Boston. Man weiß das so genau, weil Hopper alle seine Bilder nicht nur signierte – damit soll er schon mit zehn Jahren begonnen haben -, sondern auch Skizzen von ihnen anfertigte, die seine Frau, die Malerin Josephine Hopper (1883 - 1968), mit ausführlichen Beschreibungen der Gemälde versah. Das alles wurde in dicke handelsübliche Rechnungsbücher gelegt. Am Ende ihrer beider Leben gab es drei volle und zwei angebrochene Bände. Ein fünfter Band verzeichnete die Einkünfte Edward Hoppers. Alle Einkünfte, also nicht nur die aus seinen Gemälden, sondern auch die aus Auftragsarbeiten für Agenturen. Dort ist nur Edward Hoppers Handschrift zu finden. So eng die Beziehung der beiden auch war, - sie hatten sich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts an der ‚New York School of Art‘ kennengelernt -, an seine Buchhaltung ließ er Gattin Josephine offenbar nicht ran.

Zu dem hier abgebildeten Bild trug Jo(sephine) Hopper ein: „‘A Woman in the Sun‘ . ‚The Wise Tramp‘. Gemalt im Truro-Atelier im Oktober 1961. Winsor & Newton Farben, einfach grundierte Leinwand, ‚Herga‘, Flake White, Leinöl, Terpentin. Begonnen am 1. Okt. Sehr kalt, früh. Tragische Figur von kleiner Frau, helle Haut, glattes braunes Haar, greift vor dem Hemd nach Zigarette. Hellster Fleck R. (rechts), Sonne außerhalb der Szene, auf Vorhang von Fenster außerhalb des Bildes östlich (rechts). Lichtkorridor auf Boden. Dünnes, blasses Gelb, mit Hauch von Blassgrün. (Man beachte, dass Ränder des Streifens sich gleich verschieben werden, während die Sonne am Himmel höher steigt.) Streifen von fernerem Licht auf ostwärts gerichteter Düne. Himmel draußen noch matt, deshalb innen einheitliches Blaugrün. Unter dem Bett schwarze Schuhe mit hohen Absätzen. Zigarette & trauriges Gesicht von Frau nicht beleuchtet. (Bettgestell führt dieselbe Farbe ein wie Fenstervorhang R. ((rechts)) bezieht alle Kraft von wichtigster Stelle auf dem Bild: dem Vorhang in starkem Licht.) Haut ersehnt die warme Behandlung durch dieses Morgenlicht. E. H. nannte sie ‚a wise tramp‘ ((ein weises Straßenmädchen)).“

Das ist eine von Edward Hoppers Skizzen zum Bild „Woman in the Sun“.
Foto: Whitney Museum of American Art, New York

Nur nicht zu viel Präzision

Der Lehrer der Hoppers an der New Yorker Kunstschule war Robert Henri (1865-1929). Von ihm hatten die beiden sich auch abgeschaut, wie man als Künstler Buch führt über seine Arbeiten. Hopper ließ niemals davon ab. Auch als Fotografien eine viel einfachere Form der Dokumentation wurden, hielt er an den Tusche-Skizzen fest. Ja, er – so analysiert Brian O’Doherty – gewinnt zunehmend Vergnügen daran, nachdem das Bild fertig ist, noch einmal zum Anfang zurückzukehren: zur Skizze. Auf die verwendet er in späteren Jahren deutlich mehr Arbeitskraft als zu Beginn seiner Dokumentation. Wer die Beschreibungen liest, hat die Möglichkeit, festzustellen, wie nahe die Abbildung an dem ist, was Hopper zeigen wollte.

Mit diesem Bild kehrt Edward Hopper zurück in seine Jugend, als er sich 1906-1907 in Paris in die Impressionisten verliebte. Es gehört nicht zu jenen Bildern, die zu Ikonen der USA der Weltwirtschaftskrise wurden, die Blicke in einsame Bars, auf verlassene Paare in verlassenen Wohnungen boten. Das hier ist der Sommer am Meer. Hier waren die Hoppers schon seit den 20er-Jahren. Dafür verließen sie ihr Haus am Washington Square, ein Backsteinbau, der noch aus den Tagen von Henry James dazustehen schien. Hopper achtete stets darauf , dass seine Bilder nicht zu eindeutig ausfielen. Wenn seine Gattin im Rechnungsbuch festhielt, dass eine Figur aus dem Fenster nach dem Wetter sah, dann korrigierte er das sofort. Sie sah aus dem Fenster. Punkt. Nur nicht zu viel Präzision. Und dann doch alle für das Licht und seinen Verlauf.

Die Frage nach der Bewegung

Bei vielen Bildern Hoppers hat man das Gefühl, von einem vorbeifahrenden Auto aus die Szene zu beobachten. So ruhig, ja bewegungslos das festgehaltene Bild ist, so sehr erscheint es doch als Moment einer Bewegung, und sei es auch nur die des Beobachters. Dass man nicht ganz falsch liegt bei diesem Gefühl, sagt einem Jo Hopper in diesen Worten: „Man beachte, dass Ränder des Streifens sich gleich verschieben werden, während die Sonne am Himmel höher steigt.“ Die Kunstgeschichte hat Jahrhunderte lang darüber geschrieben, dass Gemälde genau das nicht können: Bewegung darstellen. Das „man beachte“ von Jo Hopper bricht mit dieser Erkenntnis und tut so, als könne man dem Moment ansehen, welcher ihm folgen wird. So formuliert wird klar, dass man das natürlich kann. Wer das Licht präzise darstellt, der sagt einem ja fast die Uhrzeit.

Wenn sich nichts voraussagen lässt – die Weiterbewegung des Lichts kann man berechnen. Das war ja schon einer der Hauptreize des Impressionismus: die Sichtbarmachung der Bewegung. Von dort kommt Edward Hopper. Das hat ihn, den Amerikaner, der in einer neuen Welt aufwuchs, in der alles immer auch schneller sein sollte als in der alten, von Jugend auf bewegt. Die Harmlosigkeit dieses beinahe Bonnard-Aktes hat nichts zu tun mit den tief verstörten und verstörenden Bildern der amerikanischen Depression, deren Erstarrung unentwegt aufs Leben verwies und damit auf das, von dem die Menschen in diesen Szenen sich verabschiedet hatten. Aber Jo Hoppers Erläuterung erinnert daran, dass die gespannte Frage nach der Bewegung auch in diesem Bild steckt.

Bloß keine Kontroversen

Ein großer Reiz der Rechnungsbücher und der Anmerkungen von Jo Hopper ist, dass darin etwas bewahrt ist von den Gesprächen des Ehepaars. Von ihren Auseinandersetzungen um Titel, um Beschreibungen. Hopper hat die nackte Frau „ein weises Straßenmädchen“ genannt. Vielleicht war sein Modell eines. Aber es gehört zu seiner Strategie, dass daraus dann „Eine Frau im Licht“ wurde. Nur nichts zu Genaues und schon gar nicht etwas, das zu Kontroversen hätte führen können. Hopper war ein großer hagerer Schweiger. Die Jahre der allgemeinen Wirtschaftskrise waren die Jahre, in denen er seine erste große Werkschau hatte, in denen die Museen seine Bilder zu kaufen begannen. In der Depression wurde Hopper Mode. Und durch ihn, man traut sich kaum, es zu sagen, wurde Depression Mode.

Edward Hopper: Ausgewählte Gemälde. Mit Skizzen und Aufzeichnungen aus den Werkstattbüchern des Malers. Mit einem Vorwort von Adam Weinberg und Essays von Deborah Lyons und Brian O’Doherty, Schirmer/Mosel, München 2020, 129 Seiten mit vielen farbigen und s/w Abbildungen, 29,80 Euro.