Horst Tappert in dem Fernsehspiel „Industrielandschaft mit Einzelhändlern“ aus dem Jahr 1970.
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Horst Tappert ist durch Chargenrollen in Edgar-Wallace-Adaptionen und vor allem als TV-Kommissar Derrick in die bundesdeutsche Mediengeschichte eingegangen. Welche darstellerischen Qualitäten wirklich in ihm verborgen lagen, ist jetzt in einer Ausgrabung des Zeughauskinos zu entdecken. „Industrielandschaft mit Einzelhändlern“ wurde im Dezember 1970 zur besten Sendezeit im ARD-Abendprogramm ausgestrahlt. Tappert spielt hier einen Hamburger Drogisten, der zu spät die Schieflage seines Geschäfts bemerkt und unaufhaltsam in den Konkurs trudelt. Gegen das Preisdumping der Einkaufscenter und Versandhäuser ist einfach nicht mehr anzukommen.

Dieses Scheitern an der Marktwirtschaft eines von der Marktwirtschaft überzeugten Kleinunternehmers reicht in seiner Verdichtung an den „Tod eines Handlungsreisenden“ heran. Der Film geht sogar über Arthur Millers Stück und dessen individualpsychologischen Ansatz hinaus. Kein Wunder, denn für Drehbuch und Regie zeichnete einer der wichtigsten Brecht-Schüler verantwortlich.

Regie führte der Brecht-Schüler Egon Monk

Egon Monk (1927–2007), der zunehmend in politische Konflikte mit seinem Meister geraten war, hatte 1953 das Berliner Ensemble verlassen, um im Westteil der Stadt beim RIAS zu arbeiten. Von dort aus wechselte er 1957 nach Hamburg. Hier wurde er bald beim Norddeutschen Rundfunk zu einem der maßgeblichen Gestalter einer ganz neuen, weil aufklärerischen und ästhetisch fordernden Bildschirmdramatik. Wie stark er dabei von seinen Lehrjahren bei Brecht zehrte, belegt das Fernsehspiel mit Horst Tappert.

Zu Beginn gibt es einen langen Monolog als Anrede an die Zuschauer; diese Methode des In-die-Kamera-Sprechens wird bis zuletzt durchgehalten. Zum Höhepunkt wird der Moment des Eingestehens, dass der eigene Lebensentwurf und das damit verbundene Berufsethos zum Scheitern verurteilt sind.

Horst Tappert als Drogist: Selten war Fernsehen experimenteller

Monk schickt seinen Drogisten dafür in eine Bankfiliale, um dort einen allerletzten Kredit zur Rettung seines Geschäfts zu erbetteln. Im Gespräch mit dem Filialleiter kommt es zu einer formal brillant gelösten Darstellung des endgültigen Auseinanderfallens von Anspruch und Wirklichkeit. Bewegungsabläufe werden segmentiert, szenische Details in Zwischenschnitten hervorgehoben (Hut und Schirm wie surrealistische Objekte am Kleiderhaken, in Zeitlupe vor dem Fenster vorrüberschwebende Kraftwagen), Sprachfetzen wabern durch den Raum. Selten war Fernsehen experimenteller.

Gleichzeitig zeugt „Industrielandschaft mit Einzelhändlern“ heute von einer bislang kaum wahrgenommen Ost-West-Verflechtung und zeigt, dass es in den Archiven der Sendeanstalten noch viel zu entdecken gibt. Im Gegensatz zur weitgehend „durchforschten“ Kinematografie liegt die Fernsehgeschichte auf beiden Seiten des einstigen Eisernen Vorhangs noch weitgehend brach.

Industrielandschaft mit Einzelhändlern Zeughauskino, 27. September, 18 Uhr, Einführung durch den Kurator Jan Gympel