Verluste gehören zum Leben. Judith Schalansky hat ein Buch darüber geschrieben. Doch nicht davon und nicht vom Abschied von geliebten Menschen durch Krankheit und Tod sei hier die Rede, sondern von den profanen Dingen. Achtlos den Schirm neben sich abgestellt beim Lesen in der U-Bahn, an der Station aus dem Buch hochgeschreckt – und schon ist das nützliche Ding weg. Einmal zu schnell die FFP2-Maske aus der Manteltasche gezerrt – da landen Handschuh oder Schlüssel auf der Straße. Solche Verluste sind leicht zu erklären.

Den Ring ziert eine Gravur

Manchmal hilft das Fundbüro oder es geschehen kleine Wunder, und man sieht am nächsten Tag die Botschaft „Handschuh gefunden“ an einem Laternenpfahl. Das gute Stück wartet auf dem Tresen des nächsten Ladens. „Schlüsselbund gefunden“ meldet jemand mit Telefonnummer. Die Zettelwirtschaft erreicht zwar weniger Augen als ein Aufruf per Instagram wie die Berliner Suche nach einem Jack-Russell-Terrier seit September, kann aber dem direkten Adressanten auffallen. Diese Hoffnung treibt offenbar auch diejenige Person, die seit Ende November in Kreuzberg ihren Ehering sucht, „hier in der Nähe verloren“. Golden ist er, mit Gravur auf der Innenseite. Was dort steht, ist im Aufruf nicht vermerkt. Nur ein Datum? Ein Name, ein Schwur? „Wenn Du ihn gefunden hast, rette mein Leben (und meine Ehe) und melde Dich bei ehering@mein.gmx

Wie verliert man seinen Ehering auf der Straße? Der kullert doch nicht einfach vom Finger! Waren die Hände infolge der Kälte dünn und steif geworden, sodass der Schmuck den Halt verlor? Oder ist ein Streit vorausgegangen? Das Paar schrie sich an, giftig zog die eine Person den Ring ab und rief: „Da hast du deine blöde Treue!“, und schleuderte das Goldstück hinfort. War gar Alkohol im Spiel? Am nächsten Tag folgten die Reue und die Ahnung, dass ein einmal gegebenes Versprechen doch nicht nur für gute, sondern auch für die schlechten Zeiten gedacht ist. So entstand der Aufruf, getippt, auf A4-Blättern ausgedruckt und mit Kreppband im Kiez verteilt.