Der Schauspieler Dieter Mann posiert auf einer Treppe.
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BerlinSein Start war rasant, die Karriere kometenhaft. Direkt von der Schauspielschule wurde der damals 23-Jährige ans Deutsche Theater engagiert, den Olymp. Weiter konnte man es im DDR-Theater nicht bringen. 1964 war das, als Mann in Viktor Rossows Stück „Unterwegs“ sein DT-Debüt gab. Die Geschichte eines rebellischen jungen Mannes, der gegen Bevormundung und normiertes Leben aufsteht und sich auf den Weg nach Sibirien macht, war sozialistisches Roadmovie auf dem Theater. Die Figur des aufsässigen Wolodja, die Mann spielte, bot mit ihrer unbalancierten Wucht zwischen selbstzerstörerischem Zweifel und schnodderiger Selbstsicherheit viel Identifikationsstoff – nicht nur für die, die damals jung waren -, als in den 1960er-Jahren die Welt nicht nur im Westen in Bewegung geraten war.

Der Nimbus des Rebellischen wurde Manns frühes Markenzeichen. Ein James Dean der DDR, hieß es oft. Mit diesem Rock’n’Roll stattete Mann noch Jahre später glaubhaft die jugendliche Titelrolle von Ulrich Plenzdorfs berühmtem Stoff „Die Leiden des jungen W.“ aus, von Horst Schönemann 1972 am DT inszeniert und 1976 auch vom DDR-Fernsehen verfilmt. Da war Dieter Mann schon Mitte dreißig und auch der Film längst aufmerksam auf diesen Schauspieler geworden. Seinen Debütfilm „Berlin um die Ecke“ freilich (von Gerhard Klein nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase), der sich mit den Problemen junger Arbeiter im Sozialismus auseinandersetzte, geriet in den Sog des berüchtigten 11. Plenums der SED, dem eine ganze Jahresproduktion der DEFA zum Opfer fiel, unzählige Schreib- und Berufsverbote für Künstler nach sich zog. Der Film wurde erst 1987 uraufgeführt.

Vater Hilfsarbeiter, Mutter Heimarbeiterin

Da war Dieter Mann bereits seit drei Jahren Intendant des Deutschen Theaters, zu dessen prägenden Spielern, ja Stars er längst gehörte. Landesweit bekannt geworden auch durch unzählige Film- und Fernsehrollen. Einer, der jede Figur zum Prototyp machte, an dem Mann das Exempel eines Lebens statuierte und so seinem Publikum oft so etwas wie den Hauch einer Einsicht möglich machte, warum die Welt ist, wie sie ist.

Dieter Mann wurde 1941 in Berlin-Tiergarten geboren. Der Vater ist Hilfsarbeiter, die Mutter bessert das Familieneinkommen mit Näharbeiten auf. Erfahrung von Hunger und Armut prägen diese Kindheit. Mit 14 lässt er sich zum Schlosser ausbilden. In seinem Betrieb gibt es (wie in allen DDR-Betrieben) Freikarten für Theater und Oper. So nimmt Mann Fühlung mit der Kultur auf und tut mit 17, was nur in der DDR möglich war: Er geht an die Arbeiter- und Bauernfakultät, um mit einem staatlichen Stipendium von 190 Mark im Monat das Abitur nachzumachen. 1962 nimmt er das Schauspielstudium an der Staatlichen Schauspielschule auf, der heutigen HFS Ernst Busch.

Dies muss an dieser Stelle erzählt werden, denn bis heute gelten Künstler, die sich zugehörig zur DDR fühlten und Kritik stets aus einer grundsätzlichen Loyalität zu ihrem Staat heraus formulierten, als mit einem Makel belegt. Künstler aus der DDR wurden der Logik des Kalten Krieges zufolge für den Westen erst interessant, wenn sie sich von ihrem Staat abwandten. Diese Logik wirkt bis heute fort. Dieter Mann hat sich stets zur DDR bekannt. „Ich weiß nicht, ob ich im Westen so möglich gewesen wäre, wie ich im Osten wirklich werden durfte“, hat Dieter Mann 2016 in seinem Erinnerungsbuch zu Protokoll gegeben und die ABF als historische Leistung der DDR beschrieben. „Sie wollte aus Geringen Gebildete machen, und zwar, ja, das muss man so sagen: massenhaft, prinzipiell.“

Retter im Fiasko

Mann ist nicht nur ein großer Schauspieler, der mit so unterschiedlichen Regisseuren wie Wolfgang Heinz, Adolf Dresen, Alexander Lang, Frank Castorf, Thomas Langhoff, Jürgen Gosch oder Thomas Ostermeier zusammengearbeitet hat. Er war auch ein großer Intendant. 1984 gelangte er durch ein legendäres kulturpolitisches Fiasko an die Spitze Deutschen Theaters: als das zum 100. Jubiläum seiner Gründung prachtvoll grunderneuerte Haus feierlich mit „Faust II“ wiedereröffnet werden sollte. Als die Inszenierung an der Unfähigkeit des von der Politik protegierten Vorgängers Rolf Rohmer scheiterte, schien Mann als Retter in der Not.

Er war 42 Jahre alt, als er die Intendanz übernahm. Mann kümmert sich um Verbotenes, Verdrängtes, engagiert Unbequeme wie Heiner Müller, Frank Castorf. In der Spätzeit seiner Intendanz entstehen legendäre Inszenierungen wie Heiner Müllers „Lohndrücker“, „Mauser“ oder „Hamlet / Maschine“, Frank Castorfs Bulgakow-Abend „Paris Paris“ oder „Hermes in der Stadt“, Michail Schatrows „Diktatur des Gewissens“, von Friedo Solter inszeniert. Und wieder „Nathan der Weise“, als Signatur dieses Theaters und seines Geists, dem es sich seit 1945 verpflichtet fühlte. Mutig öffnet er in den letzten Monaten der DDR das Haus für Diskussionen und leitet das Theater mit ruhiger Hand durch die Wirren der Wende, die hier einen ihrer Ausgangspunkte hatte.

1991 übergibt er das Haus an Thomas Langhoff. Danach ist er wieder Schauspieler, macht noch mal Karriere im nicht immer ruhmreichen Fernsehen. Dort wertet er selbst leichtgewichtigste Produktionen mit seiner Präsenz  auf. Er spielt Wallenstein und Lear in Dresden, Octavio Piccolomini am Burgtheater in Wien und an der Volksbühne in Frank Castorfs „Der Kaufmann von Berlin“ – im enormen Zirkuszelt von Bert Neumann, den Mann in den Achtzigern als jungen Bühnenbildner ans DT geholt hatte. Zu seinem Abschied 2006 vom Deutschen Theater fand sich der damalige Intendant Bernd Wilms nicht mal persönlich ein.

Ein Gefühl von Glanz

„Wir Theatermenschen sind nicht die Entertainer der Konsumgesellschaft, aber auch nicht die moralischen Richter des Gemeinwesens“, schreibt Dieter Mann in seinem Erinnerungsbuch. „Wir sind nicht die Zweifelzerstreuer vom Dienst, und noch weniger sind wir die Retter der Verzweifelten (da wir selbst nicht zu retten sind). Nein, wir bleiben blinde Wanderer auf den steinigen Feldern der Sehnsüchte – manchmal aber ertasten wir etwas, was sich nach Glanz anfühlt.“

In diesem Sommer der späten Gerechtigkeit, in dem wichtige Literaturpreise an Autorinnen mit Ostsozialisation wie Helga Schubert, Elke Erb und Irina Liebmann gingen, erhält Dieter Mann den Ehrenpreis des Deutschen Schauspielpreises für sein Lebenswerk.