BerlinBerliner Zeitung: Herr Geiger, Sie sind beim Literarischen Colloquium Berlin nicht nur für die Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter verantwortlich, sondern auch mit für das Programm. Was erwarten Sie, wenn Marcel Beyer, Tobias Lehmkuhl und Marion Poschmann am Montag im LCB gemeinsam über Thomas Kling sprechen? Der Dichter ist doch schon 15 Jahre tot.

Thomas Geiger: Es gibt viele Dichterinnen und Dichter, es gibt sogar ziemlich viele gute, aber stilbildende, weit über ihre Lebenszeit nachwirkende gibt es dann doch bloß ein paar in einem Jahrhundert. Der viel zu früh, mit 47, verstorbene Kling war ein solcher. Deshalb erscheint jetzt auch schon 15 Jahre nach seinem Tod eine vierbändige Werkausgabe, die nicht nur seine Gedichte, sondern auch seine Essayistik und abgelegenere Texte versammelt. Kling war ein Kind seiner Zeit, er brachte den Punk in die deutsche Gegenwartslyrik. Seine ersten Bände, die sogleich Aufsehen erregten, hießen „erprobung herzstärkender mittel“, „geschmacksverstärker“ oder „brennstabm“.

Auf der Bühne und nicht nur dort gab er den angry young man. Er war der Wortezertrümmerer und der Sprachinstallateur. Seine Lesungen waren Performances, er hauchte, schrie und brüllte seine Gedichte. In Abwandlung des Karl-Valentin-Wortes, wonach Kunst von Können kommt, muss man aber bei Kling unbedingt hinzufügen, Kunst kommt auch vom Wissen. Denn Kling kannte nicht nur die Lyrikgeschichte der Moderne. Seine Anthologie „Sprachspeicher. 200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert eingelagert und moderiert von Thomas Kling“ erschien 2001.

Wenn Sie fragen, was ich erwarte? Ein aufschlussreiches Gespräch, das Katharina Teutsch mit dem Dichter Marcel Beyer, einem der Herausgeber der Werkausgabe, und der Lyrikerin Marion Poschmann und dem Kritiker Tobias Lehmkuhl führen wird. Zum einen natürlich einen neuen Einblick in den Kling-Kosmos. Zum anderen ist es immer auch besonders spannend, wenn Autoren über Kollegen sprechen. Es werden Verbindungen sichtbar, aber auch Abgrenzungen deutlich. Beyer und Poschmann haben in diesem Jahr jeweils neue Gedichtbände vorgelegt. „Dämonenräumdienst“ der eine, „Nimbus“ die andere. Mal sehen, ob und wie die beiden sich in der Tradition zu Kling sehen. Kurz, wir werden einen Abend erleben, der Editionswissenschaft mit Dichtung verbindet, der uns in ein Lebenswerk einführt und uns zeigt, wie es weiterlebt und erhalten bleibt. Und ganz sicher werden wir von kuriosen Fundstücken erfahren, wie etwa von Beiträgen des ganz jungen Künstlers für das Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins: in konsequenter Kleinschreibung.

Geschmacksverstärker, Montag, 26.10., 19.30 Uhr, Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5 (ausverkauft), Ausstrahlung des Gesprächs im Deutschlandfunk am 31.10.2020, 20.05 Uhr