Ein Abend Missverständnisse mit Pussy-Riot-Aktivistin Nadja Tolokonnikowa

Das Maxim Gorki Theater versuchte am Montag, das gerade erschienene Buch „Anleitung für eine Revolution“ der Pussy-Riot-Aktivistin Nadja Tolokonnikowa vorzustellen und ist krachend gescheitert. Tolokonnikowa war 2012 zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden, weil sie 40 Sekunden lang in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale – lithurgisch völlig inkorrekt – gegen Putin protestiert hatte. Im Dialog zweier russischer Dissidenten wurde nun das Elend der Opposition deutlich: Sie sind wenige, und dann reden sie auch noch grandios aneinander vorbei.

Das erste Missverständnis bestand in der abstrusen Idee, die 26-jährige, schillernde Exzentrikerin Tolokonnikowa mit dem 68-jährigen, introvertierten Philosophen Michail Rychlin auf der Bühne zusammenzuspannen: Die skandalöse Musikerin mit dem brillanten Stubengelehrten, das sollte wohl Funken schlagen. Tat es aber nicht. Zu weit lagen die Lebenswelten beider offensichtlich auseinander.

Das zweite Missverständnis bestand in der Ansicht, Tolokonnikowa habe ein Buch geschrieben. Tatsächlich hat sie ein Online-Format auf Papier ausdrucken lassen. Das lässt sich gut mit Betonung vorlesen, im Gespräch vertiefen lässt sich diese Mischung aus Agitprop, pathetischem Appell, aus Aphorismen, Beschreibungen des Lageralltags und guten Vorsätzen offenbar nicht. Rychlin ging das sichtbar nahe. Aus Irritation wurde Verwunderung, daraus Entgeisterung und – lange vor dem Ende – offene Verzweiflung.

Das dritte Missverständnis: In dem Buch würde es um Revolution gehen. Der Philosoph versuchte akademisch, den Begriff zu klären. Als Antwort erhielt er von Tolokonnikowa eine Lektion über Popkultur. Die Autorin erzählte vom Cover der März-Ausgabe der Vogue, das Adele zeigt. Sie sprach über das Revolutionäre an der Sängerin, Rychlin schluckte. Was sollte ihm die Hochglanzpostille, wer ist Adele, und was hat sie mit Revolution zu tun, so wie er sie versteht?

Aber er fragte auch nicht nach. Er hatte sich akribisch vorbereitet und spulte sein Programm ab, lieferte die erwartbaren Stichworte: Kunst und Diktatur, Gefängnisalltag, Menschenrechte, Feminismus, Putin, Korruption, organisierte Kriminalität.

Rychlin versuchte auch freundlich, Tolokonnikowa in die Ahnengalerie der russischen Dissidenz einzuordnen. Ein weiteres Missverständnis. Mit ihren 26 Jahren hatte Tolokonnikowa einfach keine Lust, sich in einem Mausoleum des Widerstands einsargen zu lassen. Wovor sie sehr große Angst habe, sagte sie plötzlich, sei zu große Ernsthaftigkeit. In diesem Moment war sie, die ständig Posierende, authentisch: Sie will das erstarrte Putin’sche System zerbrechen, indem sie mit ihm spielt. Mögen die Alten doch glauben, dass das naiv ist.

„Es gibt keine Veränderung ohne ein Lächeln“, sagte Tolokonnikowa am Ende altklug. Dann trat sie tänzelnd ab. Eine Revolution wird sie wohl nicht gleich anzetteln, das weiß man jetzt. Rychlin blieb allein, benommen und gealtert zurück. Er sah aus, als wollte er nicht glauben, dass es das war. Dann atmete er mit geschlossenen Augen tief durch.

Nadja Tolokonnikowa: Anleitung für eine Revolution, Übersetzung  Friederike Meltendorf, Jennie Seitz. Hanser, Berlin 2016.   224 S.,  17,99 Euro.