Mit einer selbst gebauten Bassflöte bei der Probe: Musiker des Orquesta Experimental de Instrumentos Nativos.
Foto: Volkmar Otto

RheinsbergHeute ist der 71. Tag, und er ist perfekt. Weiße Wolken ziehen über den Himmel, ein sanfter Wind kräuselt die Oberfläche des Sees, fährt durch das Schilf am Ufer. Still liegen das Schloss, der Säulengang, der Park. Es ist so irrsinnig malerisch hier in Rheinsberg. Aber sie sitzen jetzt viel in ihren Zimmern. Sie sitzen und warten. Darauf, dass sie hier endlich wegkönnen.

Es ist der 71. Tag, doch er war nicht vorgesehen. Vorgesehen für die 25 Musiker von OEIN, dem Orquesta Experimental de Instrumentos Nativos aus La Paz, der Hauptstadt Boliviens, war ein kurzer Aufenthalt im Gästehaus der Rheinsberger Musikakademie, Zeit für Proben mit dem Berliner Vokalensemble Phønix16, um dann mit diesem zusammen am 20. März das MaerzMusik-Festival in Berlin zu eröffnen. Vorgesehen waren zwei weitere Konzerte und die Heimreise. Doch dann kamen das Virus, der Lockdown.

Nicht nur die Konzerte, auch der Rückflug wurde gestrichen. Anfang April dann noch einmal Hoffnung, sie stiegen in einen Bus nach Frankfurt am Main, um dort in ein von Außenminister Maas gechartertes Flugzeug zu steigen, das Deutsche aus Lima holen sollte. Sie waren schon auf der Autobahn, als die Nachricht kam, Peru lasse nur leere Flugzeuge landen.

Es ist der 71. Tag und Mittagessen gibt es wie immer um 12.30 Uhr in der Kantine: Spirelli mit Tomatensoße, Gurkensalat, zum Nachtisch Melone. Die Musiker bedienen sich aus großen Metallbehältern. Anfang, Mitte 20 sind die meisten, einer erst 17, der älteste 37.  

Draußen auf der Terrasse sitzt Timo Kreuser, der künstlerische Leiter von Phønix16. Er dreht sich eine Zigarette, man spürt seine Anspannung. Die Stimmung sei nicht gut, sagt er. Man könne es daran merken, wie leise alle seien. Auch für ihn ist es der 71. Tag. Er habe die Musiker ja nicht sich selbst überlassen können, sagt er. Die wenigsten sprechen Englisch, Deutsch kein einziger. Die meisten sind zum ersten Mal in Europa.

Der künstlerische Leiter des Vokalensembles Phønix16, Timo Kreuser, das mit OEIN zusammen beim MaerzMusik-Festival spielen sollte.

71 Tage lang war Timo Kreuser nicht in seiner Berliner Wohnung, um Teil dieser Hausgemeinschaft sein zu können, die sich selbst strenge Quarantäne-Regeln auferlegt hat. Steckt sich auch nur einer von ihnen an, rückt die Rückkehr nach Bolivien in noch weitere Ferne. Die Sonne scheint, über den See fliegt ein Reiher. Aber die Telefongespräche am Nachbartisch machen klar, dass die Umstände nur scheinbar idyllisch sind. Es geht um Zahnspangen, um psychologische Betreuung. Manche der Musiker litten jetzt unter Panikattacken, sagt Timo Kreuser. Die Gespräche untereinander reichten einfach nicht mehr, nicht der geordnete Tagesablauf, der auf einer Tafel in der Kantine angeschrieben steht, nicht die täglichen Proben, die abendlichen Konzerte, die sie füreinander spielen.

In dem dunklen Theatersaal kommen sie jeden Nachmittag zusammen. Auf einer Leinwand läuft ein Film, eine Nachtfahrt vom Flughafen in El Alto hinunter in das in einem Talkessel liegende La Paz. Man sieht leere Straßen, niedrige Häuser, in der Ferne die Lichter der großen Stadt. Ihr Weg zurück. Die Musiker blicken auf die Leinwand, während sie ihre Instrumente zum Klingen bringen – all die Flöten, Glocken, den Gong, eine Pauke. Und Timo Kreuser zieht ein Bierglas über die Saiten eines aufgeklappten Flügels. Viele spielen die Siku, eine Art Panflöte, bestehend aus einer Reihe von Bambusrohren. Man kennt sie von den südamerikanischen Folkloreensembles, die manchmal in Fußgängerzonen auftreten. Aber dieses Netz aus unterschiedlichen Pfeiftönen, flirrenden, kratzenden Klängen hier im Theatersaal hat nichts mit Folklore zu tun.

Nach der Probe kommt Carlos Gútierrez auf die Terrasse, der Leiter des Orchesters. Er hat Timo Kreuser kennengelernt, als er 2018 als Stipendiat des DAAD-Künstlerprogramms ein paar Monate in Berlin war. Carlos Gútierrez ist Komponist, er macht Filmmusik, aber das vor 40 Jahren gegründete OEIN ist ihm besonders wichtig. „Es gibt nicht viel zeitgenössische Musik in Bolivien und schon gar keine indigene“, sagt er. An der Musikhochschule, wo auch er studierte, sei indigene Musik nicht existent. Ein paar Jahre lang haben Mitglieder des OEIN dort unterrichten dürfen, immer in Opposition zur übrigen Lehrerschaft. „Die sagten, wir würden das Gehör und die Technik der Studenten ruinieren.“

Wenn Carlos Gútierrez spricht, verschwimmt die Prignitz, eine andere Welt tritt in den Vordergrund. Er erzählt von ihren Workshops in La Paz, in denen die Schüler von Anfang an auf nativen Instrumenten spielen, statt sich Musik über die Mittel der westlichen Kultur zu erschließen, die in Bolivien die Kultur der spanischen Kolonialherren ist. Es gibt keine Noten, das Volk der Aymara, heimisch auf der bolivianischen Hochebene, überlieferte Musik mündlich. Bei OEIN kommt zur Tradition das Zeitgenössische, das Experimentieren. Das Orchester ist auch ein politisches Projekt.

Orchesterleiter Carlos Gútierrez
Foto: Volkmar Otto

Den 40. Geburtstag des Orchesters haben sie am 9. Mai in Rheinsberg begangen. Sie haben Konzertkleidung angelegt, ein rotes Oberteil, eine schwarze Hose, und gespielt. Das Gruppenfoto steht auf ihrer Facebook-Seite. Dort bedanken sie sich bei allen, die sie in dieser schweren Zeit unterstützen, dem DAAD, den Berliner Festspielen, die für Unterkunft und Verpflegung aufkommen, dem Goethe-Institut, der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung, dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau. Timo Kreuser sagt, dass dennoch nicht alle Kosten abgedeckt werden, dass es keine Sicherheit gibt, und niemand wisse, wer die Rückflüge bezahle, das Quarantänehotel in Bolivien. Mit bolivianischen Gehältern ist es schwer.

Der bolivianische Botschafter war einmal zu Besuch, brachte Schokolade und Shampoo mit, der Rheinsberger Bürgermeister ließ es sich nicht nehmen, ihm die Hand zu schütteln. Einmal kam ein Rheinsberger Drehorgelspieler zu Besuch.

Es wird Abend, die Musiker haben sich nach der Probe in die Zimmer zurückgezogen, nur zwei sind in der Kantine, um sich von den Windbeuteln zu nehmen, die dort bereitstehen. Tracy Prado, 32, erzählt, dass sie Keramikerin ist und für die Stadtverwaltung arbeitet. Am Montag soll es wieder losgehen, aber sie wird nicht da sein und fürchtet um ihre Anstellung. Ihre Tochter erwähnt sie zuletzt. Sie lebe bei ihrer Schwägerin, habe ohne sie den 11. Geburtstag gefeiert. „Wir werden alles nachholen“, sagt sie. Und: „Ich wollte immer ein anderes Land kennenlernen, jetzt kenne ich wenigstens diesen Ort.“

Camed Martela setzt sich zu uns. Er ist 20, angehender Jura-Student. In Rheinsberg habe er zum ersten Mal Schnee gesehen, zum ersten Mal einen Schwan, zum ersten Mal Eichhörnchen. Er sagt, es sei ein Problem, dass in den Berichten über sie immer von Schloss-Quarantäne die Rede ist, dabei ist das Schloss von ihrem Neubau aus nicht einmal zu sehen. Und dass sie sie in Bolivien schon die Prinzen nennen: Ihnen gehe es doch gut, sie könnten doch froh sein. Das mache es den Politikern leicht, sich nicht zu kümmern. Er schlafe nicht gut, habe Angst, jemandem in der Familie könne etwas passieren, und er sei nicht dort. Es sei schön hier, aber manche hielten es nicht mehr aus. „Es complicado.“  

Dann setzt er sich an das Klavier in der Kantine und spielt ein Stück aus Beethovens Siebter. Er hat sich diese Musik in den vergangenen Wochen selbst beigebracht. Ohne Noten, nach Gehör. Nach Art der Aymara, könnte man vielleicht sagen.