Wie kann man die Natur zum Internet-Star machen? Man muss nur ein Influencer sein. Ein Auszug aus dem Comic „Unfollow“ von Lukas Jüliger, Reprodukt-Verlag.
Quelle: Reprodukt-Verlag

BerlinEine Philosophie des Influencers muss noch geschrieben werden. Dabei wäre es höchste Zeit, denn schließlich besteht kein Zweifel daran, dass die Macht der großen Verlage schwindet und durch den Einfluss von Individuen abgelöst wird. Wenn Popstars wie Kanye West oder Taylor Swift auf ein drängendes Thema aufmerksam machen, dann kann das unter Umständen mehr Einfluss auf die Welt haben als ein Bestseller, ein Leitartikel oder ein Kabinettsbeschluss. 

Nicht zu Unrecht werden Forderungen laut, dass sich Influencer ihrer Macht stellen und ihrer Verantwortung bewusst sein müssen. Denn das Presserecht regelt die ethischen Standards im Journalismus, aber ein Influencer kann seine Inhalte frei und folgenreich verbreiten. Ob nun ein Aufruf zum Klimastreik oder zum Kauf eines neuen Make-up-Produkts – die Grenzen zwischen Manipulation und Information sind oft fließend. Wenn dann auch noch ein Medienexperte wie Donald Trump die Offenheit frei flottierender Digital-Zeichen entdeckt, landen Ethikstandards auf dem Müll.

Eine normale Mittelklasse-Existenz

Eine besonders kreative Sicht auf das Thema wählt der Comiczeichner Lukas Jüliger in seiner Graphic Novel „Unfollow“. Er stellt sich zwar der realen Debatte um den Einfluss von Influencern, rahmt sie jedoch in einem fiktiven, futuristischen Kontext. Der Protagonist heißt Earthboi. Seine Geburt wird fantastisch, ja geradezu mystisch eingeleitet. Earthboi ist nämlich, bevor er Mensch wird, eine Art Weltgeist, der alle Phasen der Weltentstehung miterlebt – von der Zeit des Kambriums bis zum Anthropozän. Irgendwann taucht er als kleiner Junge in einem Wald auf, elternlos und verloren. Eine Familie rettet sein Leben, adoptiert ihn und schenkt ihm ein neues Zuhause in der Zivilisation: „Eine relativ normale Mittelklasse-Kindheit mit allem, was dazugehörte: einem Haus und einem Hund namens Enrico mit einem eigenen Zimmer, mit Hausaufgaben und Freizeit. Eine Kindheit in Langeweile und Überfluss.“

Ein Auszug aus dem Comic „Unfollow“ von Lukas Jüliger, Reprodukt-Verlag.
Quelle: Reprodukt-Verlag

Für den Schutz von Umwelt und Natur

Schnell wird klar, dass Earthboi kein normaler Zwölfjähriger ist. Er wirkt entrückt und abgekehrt. Er ist ein Außenseiter und Eigenbrötler, der sich für Tiere und Pflanzen, aber wenig für das Zwischenmenschliche interessiert. Seine Familie reagiert zunehmend beunruhigt und schickt ihn zu einem Psychologen, der den Jungen anschließend in ein Heim einweisen lässt. Hier beginnt die eigentliche Geschichte: die Transformation eines jungen Teenagers zur digitalen Kultfigur.

Earthboi flüchtet aus der Erziehungsanstalt und beginnt ein abgeschiedenes Leben in einem Wald, fernab der Zivilisation. Man könnte auch sagen: Er flüchtet zurück zu seinen Wurzeln. Dort beschäftigt er sich mit Käfern, Pflanzen und Blättern. Diese Faszination will er verbreiten. Eines Tages stellt er also eine Kamera auf und verschickt seine Natureindrücke über diverse Online-Kanäle – mit Erfolg. Schnell wird er zum Influencer-Star, der Lifehacks für das richtige Leben verteilt, für eine Existenz im Einklang mit der Natur. 

Die digitalen Weisungen einer App

Seine Botschaften treffen den Nerv der Zeit. Denn die Menschen in der Zivilisation sind ausgelaugt und müde. Sie lassen sich inspirieren von den Naturunterweisungen des Jungen. All die Büromenschen, all die frustrierten und deprimierten Großstädter fühlen sich angezogen von der Erdverbundenheit, die seine Naturvideos verbreiten. Schließlich landet Earthboi auf dem Cover des Time Magazine – als „Next Generation Leader“, als „Influencer of the Year“.

Die Geschichte nimmt an Fahrt auf, als Earthboi eine erfolgreiche, aber gelangweilte Programmiererin trifft und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Die beiden Digital-Experten vereinen ihre Kompetenzen und programmieren eine Entschleunigungs-App, die auf dem ganzen Globus erfolgreich wird und Menschen in den Bann zieht. Der Siegeszug wirkt sektenartig. Die Fans werden abhängig von der App, von Earthbois Stimme, seinen Ideen und Weisungen. Ein Umdenken findet statt, hat allerdings einen hohen Preis für die Menschheit. Mehr soll hier nicht verraten werden. 

Fluch und Segen der digitalen Kommunikation

Dem Comic-Zeichner Lukas Jüliger ist eine kluge, magisch-melancholische Graphic Novel gelungen. Die Zeichnungen sind zart und weich zugleich und transportieren das Gefühl jener Entrücktheit, die auch dem Protagonisten Earthboi innewohnt. Die Texte werden von einer feinfühligen Melancholie getragen und lassen viel Platz zur Interpretation. Denn die Graphic Novel will nicht erklären, wie es um das Phänomen des Influencers eigentlich bestellt ist. Vielmehr geht es um einen Denkprozess, der letztlich in einem Widerspruch mündet.

Denn einerseits will Earthboi nur Gutes bewirken, andererseits erliegt er dem Narzissmus der digitalen Welt. Seine Weisungen dienen zwar der Natur, doch er setzt sie undemokratisch durch. Die Menschen folgen ihm, als seien sie einem heimlichen Mesmerismus erlegen. War das bei Greta auch so?, fragt sich der zeitgenössische Leser. Und trotzdem lässt die Geschichte keinen Zweifel daran, dass sich nur digital ein politischer Wandel bewirken lässt. Was soll man sagen? Die Spielregeln sind, wie sie sind. Nicht nur im Comic, sondern auch in der Realität. Ob Trump oder Greta – der Kampf um die digitale Aufmerksamkeit hat längst begonnen.