Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa
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BerlinEs ist ein Roman. Das steht auf dem Umschlag und jede Zeile schreit: Ich bin ein Roman. Aber. Das Aber ist riesig und es ist auch in jeder Zeile zu spüren. „Harte Jahre“ ist ein Geschichtsbuch. Es geht um Guatemala, Zentralamerika und die USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Jede demokratische Regierung wurde von Militärs niedergeputscht, deren Regime wurde von anderen Militärs niedergeputscht. Dazwischen die hilflosen Versuche, die Indios zu alphabetisieren, Gewerkschaften, Zivilgesellschaften aufzubauen. Und immer wieder die Oberste und Generäle, die Verschwörungen und Gegenverschwörungen, die Manipulationen der Öffentlichkeit, die Blutbäder.

Das alles schildert der in Spanien lebende 84-jährige Peruaner Mario Vargas Llosa in seinem neuesten Roman. Weltgeschichte als Roman. Wer sich nicht gut auskennt, der hält vielleicht, wie ich, eine der Zentralfiguren der Erzählung „Miss Guatemala“, die Geliebte des guatemaltekischen Diktators Carlos Castillo Armas, für erfunden. Aber sie ist wahr und sie lebt. Im letzten Kapitel des Buchs, „Nachher“ heißt es, besucht Vargas Llosa, der schon an seinem Roman schreibt, „Miss Guatemala“ und lässt sie ihre Version erzählen. Gehört das zum Roman? Oder distanziert es sich von ihm?

Kenner werden monieren, dass ich jetzt mehr als vierzig Zeilen lang etwas verschwiegen habe, ohne das sich keine Geschichte Guatemalas schreiben lässt: die United Fruit Company. Vargas Llosa beginnt seinen Roman mit einem Treffen von Sam Zemurray (1877–1961), dem Gründer der United Fruit Company, mit Edward L. Bernays (1891–1995), dem Neffen Sigmund Freuds, der aus Manipulation und Propaganda einen der erfolgreichsten Berufszweige des 20. Jahrhunderts machte.

Als die Regierung von Jacobo Árbenz Guzmán 1952 eine Agrarreform vorlegte, die gestattete, Brachland den Eigentümern gegen eine Entschädigung wegzunehmen und den Kleinbauern zur Verfügung zu stellen, da zog die United Fruit Company in den Krieg. Nur 15 Prozent ihres guatemaltekischen Landbesitzes wurden bewirtschaftet. 85 waren Brachland. Außerdem sollte die Firma plötzlich Steuern zahlen, davon hatte sie sich durch Bestechung der Vorgängerregierungen befreit.

Auf den ersten Seiten des Buches, im Kapitel „Vorher“, beauftragt Sam Zemurray den Firmenberater Edward L. Bernays, die öffentliche Meinung in den USA und in Guatemala dahingehend zu manipulieren, dass eine Intervention der USA gegen die rechtmäßige, demokratisch gewählte Regierung Guatemalas als unbedingt erforderlich erscheint. Die Klarheit, mit der Vargas Llosa hier beschreiben kann, dass eine Lüge nur groß genug sein muss, um geglaubt zu werden, hat er, haben wir, Donald Trump zu verdanken.

Je länger man „Harte Jahre“ liest, desto stärker wird das Gefühl, es nicht mit einem historischen Roman, sondern mit Science Fiction zu tun zu haben. Das Ergebnis der jüngsten Entwicklungen in der Welt und im Verhältnis der USA zu ihrem „Hinterhof“ legt jedenfalls die Vermutung nahe, dass nichts ferner liegt als die Unterstützung demokratischer Entwicklungen. Weder in den USA noch in den Ländern, die in Abhängigkeit von diesem angeschlagenen Riesen leben, der wieder „groß“ sein möchte. Aber das ist das Gefühl, das sich beim Leser einstellt. Vargas Llosa schreibt darüber nicht. Er bleibt in der Geschichte, die er allerdings durchsichtig macht für die Gegenwart.

Diese Transparenz erzeugt er durch einen alten Trick, den er allerdings so souverän vorführt wie kaum einer vor ihm: Die aufeinanderfolgenden Kapitel beschreiben nicht aufeinanderfolgende historische Momente. Der Leser muss sich in jedem Kapitel erst einmal orientieren, wo er in der Geschichte steht. Nein, er muss das natürlich nicht. Vargas Llosa sagt es ihm schon, aber manchmal liest er zwei Seiten, bis er begreift, dass er sich viele Jahre vor vorangehenden Kapiteln bewegt.

Das liest sich, wenn ich es beschreibe, ein wenig wie eine Zumutung. Dabei ist es ein Vergnügen. Es ist wie im Leben selbst. Auch da weiß man nur ganz selten, in welchem Moment welcher Umwälzung man sich gerade befindet. Die Epoche freilich ist klar: Es ist die der gescheiterten Hoffnungen. Es ist die, in der das meiste von Jahr zu Jahr schlimmer wird.

Als Präsident Árbenz Guzmán von seinen Militärs 1954 nahegelegt wird, zu gehen – die dummerweise bisher noch nicht erwähnte CIA hatte sie bestochen – da befindet sich ein junger Argentinier in Guatemala, den die demokratischen Versuche ins Land gelockt hatten. Die Jagd auf die Árbenz-Anhänger zwingt ihn zur Flucht. Den Glauben an die Möglichkeit demokratischer Reformen nahmen ihm seine guatemaltekischen Erfahrungen. Der Argentinier Ernesto Che Guevara zog aus ihnen die Lehre: Nur der bewaffnete Kampf kann die reaktionären Regime stürzen.

Der guatemaltekische Oberst Carlos Castillo Armas (Mitte), bevor er an die Spitze des Landes gesetzt wurde. Unter seiner Regierung wurde die von Jacobo Arbenz Guzmán durchgeführte Agrarreform rückgängig gemacht.
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Vargas Llosa beschreibt nicht die Geburtsstunde der Dialektik von Revolution und Konterrevolution, von Links- und Rechtsterrorismus, aber er zeigt uns, wie jene Epoche aussah, in der die Extreme einander nährten, in dem sie einander bekämpften. Das Spiel mit den Zeiten macht deutlich, wie ähnlich sie sich sind.

Auf die Spitze treibt Vargas Llosa dieses Spiel im siebten Kapitel. Hier werden zwei Gespräche ineinandergeschnitten – wie man es aus Filmen kennt. Das eine führt der Diktator der Dominikanischen Republik Generalissimus Trujillo mit Castillo Armas, um ihm seine Unterstützung für den Putsch in Guatemala zuzusichern. Das andere mit seinem Mann für die groben Arbeiten, mit Johnny Abbes García, der den inzwischen Präsident gewordenen Castillo Armas umlegen soll. Beide Gespräche, die in der realen Welt zu unterschiedlichen Zeiten stattfanden, sind hier ineinandergefaltet. Erst in der Collage wird die Wirklichkeit erkennbar.

Ich weiß nicht, ob auch nur eines dieser Gespräche stattgefunden hat. Vielleicht sind sie die Zutat des Romanautors. An einer Stelle heißt es im Buch, die Geschichtsschreibung verwandle die Fakten in Fiktion. Vargas Llosas Leistung ist es, durch die Fiktion den Blick wieder auf die Fakten zu ermöglichen. Das Buch wimmelt von Verschwörungen. Jedes Ereignis ist das Produkt nicht einer, sondern vieler, oft sich gegeneinander richtender Verschwörungen. „Verschwörungstheorie“ wird inzwischen als Schimpfwort verwendet. Das ist Unsinn.

An Verschwörern herrschte und herrscht nirgendwo Mangel. Im Gegenteil. Es sind so viele, dass wer von einer Verschwörung redet, nur zeigt, dass er die Sache nicht verstanden hat. Man kann das Buch auch lesen als eine Beschreibung des Erfolges von Propaganda. Denn tatsächlich war die öffentliche Meinung der USA nur dadurch zu gewinnen, dass man ausgerechnet die Ansätze demokratischer Politik als Versuche darstellte, mit denen die Sowjetunion einen Fuß in die westliche Hemisphäre setzen wollte. Jeder Schritt gegen die gewalttätige Vorherrschaft der USA wurde sofort als eine Bewegung in Richtung Moskau interpretiert. Das war gelogen. Jeder wusste, dass es gelogen war.

Aber das interessierte niemanden. Was interessierte, war die Entschlossenheit, diese Lüge wahrzumachen. Je stärker die Lüge war, desto stärker war der Lügner. Desto mehr Anhänger gewann er. Aber natürlich funktionierte das nur, weil die USA auch militärisch so überlegen waren, dass kein demokratisches Guatemala dagegen anstinken konnte. Die Macht der Propaganda funktionierte dort am besten, wo sie die Propaganda der Macht war.





Mario Vargas Llosa:

Harte Jahre  

Roman.
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot.
Suhrkamp, Berlin 2020, 411 S., 24 Euro