Schauspiel-Legende Michel Piccoli
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ParisAm 12. Mai 2020 starb Michel Piccoli im Alter von 94 Jahren. Er war seit den 60er-Jahren eine der zentralen Figuren des französischen Films. Bereits 1955 spielte er eine Nebenrolle in Kurt Maetzigs „Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse“. Die letzte Rolle, in der ich ihn sah, war der Papst, der nicht Papst sein wollte in Nanni Morettis Komödie „Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“. Das war 2011. Zwei Jahre später kam Papst Franziskus. 

„Habemus Papam“ war nicht Piccolis letzter Film. Danach drehte er noch fünf weitere, unter anderem mit den Regisseuren Alain Resnais und Leos Carax. Zählt man die von der französischen Wikipedia veröffentlichte Liste seiner Filme, kommt man zwischen dem Bauern in „Sortilèges“ von 1945 bis zum Erzähler in „Notre Dame des Hormones“ im Jahr 2015 auf 292 Auftritte.

Piccoli starb an den Folgen eines Schlaganfalls, wie die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf eine Mitteilung der Familie am Montag berichtete. Die Mitteilung wurde demnach von Gilles Jacob, dem ehemaligen Präsidenten der Filmfestspiele von Cannes und Freund Piccolis, übermittelt.

Zur Vielzahl seiner Filmfiguren kommen 51 auf der Theaterbühne. Zuletzt spielte er 2009 den Minetti in Thomas Bernhards gleichnamigem Stück. 1963 war er in Hochhuths „Der Stellvertreter“, 1983 spielte er unter der Regie von Patrice Chéreau in Koltès’ „Kampf des Negers und der Hunde“.

Und noch einmal muss man aufzählen: Jean Louis Barrault, Mario Bava, Luc Bondy, Peter Brook, Luis Buñuel, Claude Chabrol, René Clair, Marco Ferreri, Constantin Costa Gavras, Jean-Luc Godard, Klaus Michael Grüber, Alfred Hitchcock, Jean-Pierre Melville, Jean Renoir, Claude Sautet, Agnès Varda, Bob Wilson. Nein, es geht nicht. Es sind zu viele. Piccoli hat mit den großen Regisseuren dreier Generationen gedreht und gespielt.

Ebenso mit den weiblichen Superstars des großen französischen Nachkriegsfilms: Brigitte Bardot, Catherine Deneuve und Romy Schneider. Mit Letzterer hat er 1970 sogar ein Duett in Sacha Distels „Sacha Show“ gesungen. Und mit Juliette Gréco war er zehn Jahre verheiratet.

Man staunt über die Fülle und die Vielseitigkeit seiner Rollen. Ein Schauspieler halt, einer, der sein Handwerk ganz altmodisch auf der Bühne erlernt hatte und niemals abließ von ihr. Michel Piccoli blieb auch Frankreich treu: Über Jahrzehnte war er eines der wichtigsten Gesichter des französischen Films, ein Kassenmagnet, ein Verführer. Aber auch einer, der verführen musste. Er war keine Schönheit. Er hatte einen Sex-Appeal, der nichts mit Bodybuilding, aber sehr viel mit Mindbuilding zu tun hatte.

In seinen besten Rollen führte Michel Piccoli vor, dass auch ein Intellektueller alle Chancen hat – vorausgesetzt, er versteht sich auf den Charme einer konsequent ausgelebten Perversion.

Vor vierzig Jahren saß ich in einem Café eine Stunde lang lesend am Tisch neben dem von Michel Piccoli. Er hielt die Hand seiner Begleiterin die ganze Zeit in der seinen, immer wieder strich er über ihren Handrücken. Die beiden sprachen nicht viel. Sie saßen nur so beieinander und schienen das sehr zu genießen. Später hörte ich, sie sei seine Frau. Ich erzähle diese Geschichte, weil sie wie ein Warnschild dasteht: Verwechsle nicht den Schauspieler mit seinen Rollen. Vielleicht gehörte Piccoli zu jenen Schauspielern, die besonders gerne spielen, was sie nicht sind.

Vielleicht war er in Wahrheit herzlich, ja lieb. Aber wir liebten ihn, weil er den Coolen gab, der niemals den Überblick verliert und auch noch als seine Opfer metzgernder Verbrecher mit geradem Rücken durchs Blut stapft. In dieser Haltung lag so viel Ironie, so viel Abstand zu dem, was er doch – in der Rolle – als ganz und gar Getriebener tat, dass dem Zuschauer die Aussicht auf eine Existenzverdoppelung als eine glückliche Lösung auch der eigenen Probleme schien.

Ein ordentlicher Bürger pflegt seine Perversion mit derselben Sorgfalt, mit der er sich seinem Anzug widmet: So trat Michel Piccoli in vielen seiner Filme auf. Im amerikanischen Kino gibt es nichts Vergleichbares. Die Bereitschaft zur offenen Bigotterie war die große Tat des französischen Films.

Die Linke las dessen Plots und Charaktere als Kritik an den Verhältnissen. Ein Missverständnis. Diese Filme zeigten die Welt, wie sie ist. Das moralische Urteil fällten die Zuschauer im Dunkel der Kinosäle. Jeder nach seinen Vorurteilen. Oben auf der hellen Leinwand zeigten die Schauspieler lustvoll, dass jede Gesellschaft sich ihre Parallelgesellschaften gleich mit erzeugt. Michel Piccoli war in seinen Rollen die ideale Verkörperung dieser Weltsicht, zu der stets gehörte, dass man auch eine andere haben konnte.

Man beschimpfte das schon damals gerne als Zynismus. Das war grundverkehrt. Man kann einen Zyniker nicht einen Zyniker schimpfen. Man gäbe ihm damit ja Recht.

Michel Piccoli spielte immer wieder einen, der intelligent genug war, die Welt zu nehmen, wie sie war. Einen, der nicht angewiesen war auf Solidarität, Liebe, Freundschaft und Wärme. Einen, der auskam mit sich, seinem Verstand und seinen Trieben. Dass seine Charaktere genau daran immer wieder scheiterten, das war vielleicht die wichtigste Lektion des Künstlers Michel Piccoli.