Quietschende Bilder und malende Klänge: eine Szene aus dem Heiner-Müller/Laibach-Musical „Wir sind das Volk“. 
Foto: HAU

BerlinAuch dieser Text muss mit Thüringen beginnen. Denn was sich da im Parlament ereignete, eine gesetzlich konforme, aber demokratisch desaströse Ministerpräsidentenwahl, führt auf anderer Ebene direkt in die beiden Abende, die am Wochenende in zwei Häusern des HAU zu erleben waren.

Nein, es gab dort keine Politpossen zu sehen, es ging nicht um die bloßen Oberflächen von Figuren und deren sichtbare Handlungen, sondern um das, was in den Bedeutungsfeldern dahinter mitschwingt und in Thüringen gerade gekappt werden sollte.

Es ging um die mit Geschichte aufgefüllten Semantiken – um die Winke und Marschrhythmen von jenseits der Gruft, könnte man mit Heiner Müller und der slowenischen Kultband Laibach sagen, die unter dem Titel „Wir sind das Volk“ am Sonnabend einen bestens dazu aufschlagenden, gespenstisch kraftmeiernden Multikunstabend ins HAU1 gestemmt haben. Aber dazu später.

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Die junge Theatermacherin Anta Helena Recke, die zu den radikalsten Nachdenkerinnen im Bühnenbetrieb zählt und bereits am Donnerstag ihre soeben zum Theatertreffen geladene Produktion „Die Kränkung der Menschheit“ im koproduzierenden HAU2 zeigte, nennt es schlicht das „Unsichtbare“.

Im HAU2 tollen Affen über die Bühne 

Es meint nichts Mystisches, sondern das vermeintlich Selbstverständliche, hierzulande: die „Weißheit“ – nicht einfach die Hautfarbe, sondern eine soziologische, machtpolitische, psychologische und ästhetische Weißheit.

Jene dominanten Raster in den Köpfen gut ausgebildeter, toleranter, weißer Mitteleuropäer, die meinen, aufgeklärt und diskriminierungsfrei zu denken und doch genau darin die Barriere dagegen nicht sehen: den eigenen Universalismus, der die Normen setzt. Recke sucht diesen blinden Fleck in der europäischen Vernunft, die den eigenen Standpunkt zuweilen zwar kritisch mitdenkt, die eigene Dominanz dennoch nie außer Kraft setzt.

Im HAU2 tollen zuerst aber die Menschen als Affen über die Bühne, die ihrerseits ein Museum ist mit einer Glasvitrine in der Mitte, in der gut sieben Tierchen Platz haben. Und tatsächlich gruppieren sich bald die sorglos mampfenden, kreischenden Primaten auf das Podest, bevor neu eintretende Museumsbesucher die Kollegen vertreiben und ihrerseits Platz nehmen. In der Vitrine sitzend blicken sie, Affen wie Menschen, dann ebenso neugierig, gelangweilt, befremdet zu uns herüber wie wir auf sie.

Aus dem Off beschreibt eine Audioguide-Stimme das Bild „Kränzchen“ (1889) von Gabriel von Max dazu, in dem eine Schar Affen vor einem weggedrehten Gemälde sitzt und darüber äffisch zu diskutieren scheint. Was sehen die Affen im Bild? Wie schauen sie auf uns – oder sind wir die Affen?

Im HAU: Videoprojektionen und Lichtorgeln 

Die Perspektiven werden sich in dieser kurzen, intensiven Sehstunde noch häufig verschieben, die Vitrine wandert umher, schnatternde Gruppen von auffallend afrikanisch und orientalisch gekleideten Menschen kommen herein, schauen ebenfalls befremdlich um sich und bilden bald selbst bewegliche Muster, deren Bild sich allerdings mehr durch den erneut hörbaren Audioguide herstellt, als aus dem Sichtbaren.

Der Raum selbst scheint sich umzustülpen, aufzulösen. Sehen wir wirklich oder denken wir vor allem, was wir sehen? Und – wenn wir nicht mehr nur das sehen wollen, was wir schon kennen, müssen wir dann nicht ganz anders denken lernen, möglicherweise äffisch? So sinnierend verlässt man Reckes irritierendes Sehstück und befindet sich schon halb bei Heiner Müller und seiner schwarzhumorigen Vernunftskepsis, die am nächsten Tag im HAU1 eine unheimliche Klangvielfalt bekam.

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Die Dramaturgin Anja Quickert hat mit den hämmernden, knurrenden Höllenmaschinisten von Laibach einen Müller-Abend geschaffen, der sich mit dreidimensionalen Videoprojektionen und Lichtorgeln zu Reckes kleiner Meditation verhält wie das große, dunkle Weltdrama zum lichten Vorspiel.

Für das naive Pathos des mancherorts wieder fatal gängigen Wortes „Volk“, dem dieser Abend so viel bildnerische Form und blutige Geschichte einstopft, dass es platzt, schlagen drei Percussionisten im dampfenden Blaulicht die Kriegstrommeln und vier Streicher streicheln dazu säuselnd-melodisch die Saiten.

Von Musical kann keine Rede sein 

Jeder Müller-Text aber, den der statuarische Laibach-Sänger dazu knurrt oder die geschmeidigen Schauspielerinnen Susanne Sachsse und Agnes Mann im schwarz-vampirischen oder goldenen 30er-Jahre-Chic dazu sprechen, angefangen von den biografischen „Vater“-Erzählungen über die Entfremdungstexte von Medea und Heracles, sprengt in seiner kraftvollen Brüchigkeit schon ganz von selbst jeden Bombast.

Von Musical kann keine Rede sein, der Abend ist ein dröhnendes (Alb-) Traumwald-Szenario, in dem quietschende Bilder und malende Klänge ihre je eigenen Bahnen durch den Raum ziehen und darin blitzhaft Geschichte sichtbar machen. Ein gnadenloser Ritt durch das Fantasma des Deutschseins, das nur Fremdheit produziert und Identitäten zerbricht.

„Wir sind das Volk“, HAU1, 10.2., 20 Uhr,  Tel: 259 004 27