Filmemacher, Kulturpolitiker, jüngster Präsident der Akademie der Künste: Konrad Wolf.
Foto: bpk/Bundesstiftung Aufarbeitung/Klaus Mehner

BerlinDer Filmregisseur Konrad Wolf wurde nur 56 Jahre alt. Dennoch kann seine Biografie ein Jahrhundertleben genannt werden. Geboren 1925 als Sohn des jüdisch-kommunistischen Dichters und Arztes Friedrich Wolf und seiner Frau Else im württembergischen Hechingen. 1933 geflohen aus Deutschland. Aufgewachsen in Stalins Sowjetunion. Als Leutnant der Roten Armee in die fremde Heimat zurückgekehrt. Filmemacher. Kulturpolitiker. Jüngster Präsident der Akademie der Künste. Und Bruder von Markus Wolf, dem Chef der DDR-Auslandsspionage.

Konrad Wolfs letzter Film „Busch singt“ (1982) über den Schauspieler und Sänger Ernst Busch umriss die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein nächstes Projekt, „Die Troika“, sollte weit in die zweite Hälfte ragen: Ein Essay, das nach Idealen und ihrer Zukunft fragte, und was drei Kinderfreunde aus Moskau aus den Trümmern einer Hoffnung in eine zerrissene Welt zu retten vermochten.

Dialog über Geschichte

Konrad Wolf also: melancholischer Visionär, preisgekrönter Künstler, Politiker, Redner – und als großer Schweiger bekannt. Schon einmal war ihm eine Biografie gewidmet: „Der Sonnensucher“ (2005) von Wolfgang Jacobsen und Rolf Aurich, penibel recherchiert und doch auf merkwürdige Weise dem Gegenstand nicht gerecht, weil sich die Autoren dem Leben und Werk Wolfs eher misstrauisch näherten, dessen Vita vom Ende her aufrollten und nahezu jeden Film, jede Lebensbewegung als gescheitert, im Grunde unbrauchbar für die Nachgeborenen bewerteten. Nun liegt das zweite große Buch vor, gemeinsam von der im Westen sozialisierten Theologin und Politikerin Antje Vollmer und dem im Osten aufgewachsenen Liedermacher und Regisseur Hans-Eckardt Wenzel: „Konrad Wolf. Chronist im Jahrhundert der Extreme“. Beide nennen es den „Versuch eines Dialogs über Geschichte, die, lange Zeit getrennt, nun zu einer gemeinsamen geworden ist“.

Die Edition ist eine Augenweide. Die Originalausgabe nummeriert und limitiert, gebunden in rustikales Naturleinen mit grober Struktur, von einem dunkelroten Schuber umgeben (Gestaltung: Victor Balko). Die Kapitel von Antje Vollmer auf weißem Grund, die von Wenzel auf grauem, wobei der graue Grund so dezent ist, dass man ihn kaum vom weißen unterscheidet.

Diese Nähe kommt nicht von ungefähr. Vollmer und Wenzel müssen sich, wie bei ihrem Vorgängerbuch über Rainer Werner Fassbinder, sehr einig gewesen sein, was sie erreichen wollten: Sie sehen in Konrad Wolf ein Beispiel jener Würde, die sie in Zeiten großer Destruktivität gegen das Vergessen und Verdrängen zu verteidigen suchen. Wolf, der die Erfahrungen der Extreme in sich trug, bewahrte die Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach einer menschlichen Urvernunft in sich auf. Das Buch kreist um diese Lebensmotive, verweist auf Verborgenes, Verstecktes, Verschwiegenes und kehrt doch immer wieder zum Kern der Vita zurück: dem Prinzip Hoffnung, das nicht auf den knappen Nenner Illusion gebracht werden kann.

Ein globaler Blick

Zunächst dreht sich der Text vorrangig um Friedrich Wolf, fast 200 Seiten lang. Dem Vater wird viel Raum gegeben, vielleicht zu viel, andererseits haben Entscheidungen und Motive des Sohnes oft mit dessen Biografie zu tun. Gelegentlich wirft der Text Schlaglichter auf Nebenfiguren, etwa Klaus Mann, Hanns Eisler oder Heinrich Graf Einsiedel, die für das Verständnis der Zeit wichtig sind. Vollmers und Wenzels Blick ist nie verengt, sondern richtet sich auf globale Prozesse: Der Kalte Krieg beispielsweise, in den sowohl Friedrich als auch Konrad und erst recht Markus Wolf eingebunden waren, hatte viele Väter, in Ost wie in West. Die am Anfang des Buches geäußerte These, für Konrad Wolf sei seine Mutter „der entscheidende Bezugspunkt“ gewesen, führt allerdings nicht dazu, auch sie umfassender zu würdigen: Sie bleibt im Schatten ihres berühmten Mannes.

Angenehm ist, dass die Autoren nicht jede Frage zu Wolfs Biografie sogleich auch zu beantworten suchen. Was sie nicht wissen, nicht wissen können, auch nie mehr im Detail erfahren werden, bleibt als Frage im Raum. Zum Beispiel heißt es über die Monate zu Beginn der Emigration: „Der Vater ist schon auf der Flucht. Was hat man Konrad davon erzählt? Worüber spricht er mit seinem Bruder Markus? Wie viel Angst gibt es in seinen Träumen?“ Auch an anderen Stellen bekennen sich Vollmer und Wenzel zum Fragmentarischen, zum Tastenden, Zweifelnden. Nicht alles kann aus den überlieferten Filmen und Akten, auch nicht aus den Gesprächen mit Zeitgenossen gefiltert werden. Immerhin standen Wolfgang Kohlhaase, Gerhard Wolf oder der bulgarische Drehbuchautor Angel Wagenstein („Sterne“, „Goya“) für lange Interviews zur Verfügung. Hochspannend sind die Erinnerungen Wagensteins an „Die Troika“, jenes Projekt, das Konrad Wolf mit ins Grab nahm.

Viele Fehler stören

Bei allen Qualitäten dieses sensiblen, klugen Buches: Ein wissendes Lektorat hätte ihm gutgetan. Denn es wimmelt von Flüchtigkeitsfehlern. Der russische Freund Konrad Wolfs war nicht Lothar, sondern Wladimir Gall. Wolfs Lehrer an der Moskauer Filmhochschule hieß nicht Alexandrow Gerassimow – das waren zwei: Der eine hieß Grigori Alexandrow, der andere Sergej Gerassimow. Jürgen Böttchers Verbotsfilm heißt „Jahrgang 45“, nicht „Lebensläufe“. Paul Fröhlich war nicht der SED-Chef von Halle, sondern von Leipzig. Rut Berghaus hieß Ruth. Helene Weigel mit ai geht gar nicht. Maxie Wander hatte nichts mit dem literarischen Aufbruch der frühen 60er-Jahre zu tun. Hans Apel, der sich als Parteifunktionär das Leben nahm, hieß Erich. Dass im Film „Der geteilte Himmel“ die Mauer nicht auftaucht, wie im Buch vermerkt, hat einen einfachen Grund: Die Handlung spielt vor dem Mauerbau. Und der Film „Spur der Steine“ hat 1966 ganz gewiss keinen Nationalpreis erhalten, bevor er verboten wurde.

So viel Ungenauigkeit im Detail ist ärgerlich und kollidiert heftig mit der Gediegenheit des Gesamtprojekts.