Der britische Schauspieler Jeremy Irons ist diesjähriger Vorsitzender der Berlinale-Wettbewerbsjury. 
Foto: Imago Images/Armando Gallo

BerlinDas mit der Schauspielkarriere könne er vergessen, so hat es angeblich mal ein Dozent während des Studiums zu Jeremy Irons gesagt. Nicht wegen mangelnden Talents, sondern weil seine vornehme, von der Erziehung am Internat geprägte Art des Sprechens und Auftretens nicht mehr zeitgemäß sei. Der Herr lag falsch, denn Irons’ Laufbahn auf den Bühnen und vor den Kameras dieser Welt währt nun schon fünfzig Jahre. Und umfasst nun auch den Vorsitz der Berlinale-Wettbewerbsjury, den der Engländer von diesem Donnerstag bis zur Verleihung der Bären-Preise am 29. Februar innehat.

Durchbruch mit der Serie „Wiedersehen mit Brideshead“

Die Aura des Distinguierten hat dem 1948 auf der Isle of Wight geborenen Irons letztlich nicht geschadet, sondern vielmehr zum Vorteil gereicht. Nach Abschluss der Ausbildung an der Bristol Old Vic Theatre School schlug er sich zunächst an etlichen britischen Theatern (und als Straßenmusiker) durch, bevor das Fernsehen auf den Buchhalter-Sohn aufmerksam wurde – und ihn bevorzugt in Historiendramen besetzte.

Hier lesen Sie: Termine, Tickets, Programm: So kommen Sie an Karten zur 70. Berlinale >>

Für die BBC spielte er in einem TV-Film Franz Liszt, neben Judi Dench gab er in „Langrishe, Go Down“ einen deutschen Studenten im Irland der 1930er-Jahre. Der große Durchbruch gelang ihm 1981 mit der Serie „Wiedersehen mit Brideshead“ nach dem Roman von Evelyn Waugh.

Die Achtzigerjahre wurden dann überhaupt zu seiner großen Zeit. Am Broadway gab er seinen Einstand an der Seite von Glenn Close in „The Real Thing“, wofür er auf Anhieb den prestigeträchtigen Tony Award gewann.

Und auch im Kino reihte sich Erfolg an Erfolg, von „Die Geliebte des französischen Leutnants“ mit Meryl Streep über das mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnete Jesuiten-Drama „Mission“ und eine abgründige Doppelrolle in David Cronenbergs Psychohorror „Die Unzertrennlichen“ bis hin zu „Die Affäre der Sunny von B.“. Die Rolle des Adligen Claus von Bülow, der wegen versuchten Mordes angeklagt wird, als seine reiche Ehefrau nach einer Überdosis Insulin ins Koma fällt, und letztlich freigesprochen wird, brachte ihm den Oscar ein.

Melancholische Intensität und Undurchschaubarkeit

Nicht nur die melancholische Intensität und beunruhigende Undurchschaubarkeit seiner Auftritte wurden zu den Markenzeichen des Schauspielers, der in zweiter Ehe seit 1978 mit seiner irischen Kollegin Sinéad Cusack verheiratet ist. Auch seine Stimme ist – für all jene, die ihn im Original hören – unverwechselbar. Das macht ihn nicht nur zum idealen tragischen bis zwiespältigen Protagonisten, den er in den Neunzigerjahren etwa in Louis Malles „Verhängnis“ spielte.

Zu seinem Portfolio zählen auch „Lolita“, „Das Geisterhaus“ und „Kafka“. Auch als Bösewicht ist er bestechend, ob in „Stirb langsam: Jetzt erst recht“ oder   als böser Scar im Zeichentrickfilm „Der König der Löwen“. Seit vielen Jahren ist Irons, der in Irland ein Schloss aus dem 15. Jahrhundert besitzt, auch die Stimme der Audioführungen in Westminster Abbey.

Hier lesen Sie: Berlinale: Ein Rückblick auf 70 Jahre Filmfestspiele >>

Zwar wurden die großen Rollen seit seinem fünfzigsten Geburtstag weniger, doch kann er sich über mangelnde Arbeit nicht beschweren. In den vergangenen zwanzig Jahren stand der Vater zweier Söhne (darunter Schauspieler Max Irons) für Regisseure wie David Lynch, Claude Lelouch, Ridley Scott, Lasse Hallström oder István Szabó vor der Kamera. Er war mit den Filmen „Der große Crash – Margin Call“ und „Nachtzug nach Lissabon“ Gast bei der Berlinale und spielte zweimal Batmans Butler Alfred. Erst kürzlich sorgte er auch auf dem Bildschirm mal wieder für Aufsehen, im Ensemble der von der Kritik gefeierten Serie „Watchmen“ (in Deutschland bei Sky zu sehen).

Fragwürdige Aussagen über Abtreibung und Belästigung

Nicht immer indes war die Aufmerksamkeit, die Irons in der Vergangenheit auf sich zog, erfreulicher Natur. Bisweilen gab er in Interviews fragwürdige Aussagen von sich, etwa als er 2013 darüber sinnierte, ob die Ehe für alle das Eherecht aushöhlen und dann womöglich Väter aus Steuergründen ihre Söhne heiraten würden. Oder drei Jahre später, als er gegenüber dem Guardian sagte, die katholische Kirche läge nicht falsch, Abtreibung als Sünde zu bezeichnen. Auch dass ein Klaps auf den Hintern einer Frau nicht gleich eine zu bestrafende Belästigung sei, gab er – Jahre vor MeToo – zum Besten.

Dass er der weltweit erste Filmstar war, der 1991 mit einer roten Aids-Schleife die Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen die Immunkrankheit lenkte, oder sich immer wieder mit Amnesty International oder der Uno für Menschenrechte einsetzte, steht auf einem anderen Blatt.

Von den meisten seiner mindestens kontroversen Bemerkungen hat sich der 71-Jährige längst distanziert, für einige entschuldigt. Dass er zum Berlinale-Beginn noch einmal darauf angesprochen wird, etwa bei der Jury-Pressekonferenz, bei der Irons und seine sechs Mitstreiterinnen und Mitstreiter sich den Journalistenfragen stellen, ist durchaus zu erwarten. Und dann wird sich zeigen, ob er in Berlin eher den distinguierten Gentleman oder den Festival-Bösewicht geben wird.