Mit Stella Sommer ins neue Jahr.
Foto: Rolans Owsnitzki

BerlinTraditionellerweise herrscht in der ersten Kalenderwoche Konzertruhe. Das heißt, im Festsaal und in der Volksbühne gibt es Neujahrsveranstaltungen, wobei im ersteren der sehr unterhaltsame Carsten „Erobique“ Meyer längst ausverkauft ist. Anders am Rosa-Luxemburg-Platz, wo die dunkel-dramatischen Jungstötter um Fabian Altstötter im Doppel mit der famosen Stella Sommer auftreten werden. Jungstötter kann man sich im schweren Balladenfach von Leuten wie Nick Cave oder Scott Walker vorstellen. Allerdings fand ich ihr Debütalbum aus dem letzten Jahr – stimmig gotisch produziert von Nerven-Mastermind Max Rieger – ein bisschen zu sehr auf die Erfüllung von Genreregeln bedacht und nicht so unter die Haut gehend.

Stella Sommer ohne Heiterkeit

Stella Sommer hingegen, sonst Sängerin der Indie-Goth-Band Die Heiterkeit aus Hamburg, hat für ihr Solo 2018 den Sound ihrer von mir sehr geschätzten Stammband ein bisschen ausgedünnt und ihre lichtlosen bis misanhropen Weisen auf Englisch gedichtet. So erinnert sie noch ein bisschen mehr (und mit gelegentlicher Selbstironie) an die späte post-punkige Nico. Sicherlich ein schöner, wenn auch etwas düsterer Konzertstart ins Jahr.

Video: Thalea Luschnat Camera: Manuel Gehrke Stage design: Melanie Huke for "theater fensterzurstadt" Hannover

Schauen wir eben ein bisschen nach vorne. Von den größeren Arena- und Freiluftkonzerten, können Sie die üblichen vergessen, zweimal Deichkind im April – weg. Die Toten Hosen, zwei Mal im August – weg. Seeed insgesamt und bisher achtmal (!) in Wuhlheide und Waldbühne im August und September – weg. In nächster Nähe ausverkauft sind beide Nachholtermine der von mir hier schon öfter besungenen Indierockerin Ilgen-Nur aus Hamburg sowie – Anfang Februar – der gewiss schwermütig inspirierte Philharmonieabend der Tindersticks um Chefmelancholiker Stuart A. Staples.

Ein subjektiver Zehnerpack

Hier ein sehr subjektiver Zehnerpack bisher noch zugänglicher Konzerte bis ins Frühjahr: Markus Popp stellt im Januar sein neues Album unter dem Projektnamen Oval vor. In den 1990ern hatte er die Glitch genannte Fehlfunktionsästhetik erfunden. Die letzten Veröffentlichungen waren indes so angefettet mit Samples und Drums, dass er manchen schon als Phil Spector der Clicks & Cuts schien. Auch im Januar kommt der Chicagoer Gitarrist Jeff Parker, ein überaus origineller Ungefähr-Jazz-Mann, der sich in den 90ern auch als Postrocker hervorgetan hat.

 Und dann gibt es noch Hatsune Miku, bei der es sich bekanntlich um einen virtuellen Großstar handelt, den der japanische Mangazeichner Kei Garo entworfen hat. Und zwar als Werbefigur für einen Stimmsynthesizer. Ich habe sie vor vier Jahren beim CTM gesehen und war, wenn schon nicht von ihrem Elektropop begeistert, so immerhin insgesamt beeindruckt von der ewig 16-Jährigen mit den türkisfarbenen Haaren und dem genderbeugenden Stimmpotenzial. Ob sie mit den leibhaftigen Millennials mithalten kann?

Im Februar besuchen uns mit der weiblich dominierten Band Nerija sowie dem Drummer Moses Boyd zwei wichtige Vertreter der jungen Londoner Jazzszene, während Stormzy, seit Mitte der 2010er-Jahre einer der Großen der britischen HipHop-Variante Grime und damit durchaus auch auf gewisse Weise Stichwortgeber für die Londoner New Wave im Jazz, sein neues, zweites Album vorstellt. Auch seine Kollegen von der Antilopen Gang treten auf, die nicht nur kluge Vertreter des deutschsprachigen HipHops sind, sondern auch ausgesprochen energische Unterhalter.

Audio by Luis Bonilla Visuals by Will Shanahan

Big Thief und Princess Nokia

Im März wiederum kommt einerseits die queere Rapperin Princess Nokia, die auf dem vergangenen Lollapalooza einer der Höhepunkte war. Außerdem gastiert Big Thief, die ausgezeichnet verhuschte und verhangene Singer-Songwriterband, die im abgelaufenen Jahr gleich zwei neue Alben veröffentlicht hat, die es beide in die Jahrescharts von diversen Musikmagazinen geschafft haben.

Ein persönliches Entdeckungserlebnis hatte ich letztes Jahr mit „House of Sugar“, dem achten Album von (Sandy) Alex G, der seinen genrewildernden, sacht unheimlichen (von Grimms Hänsel und Gretel inspirierten), dabei melodiösen Loop- und Verzerrer-Pop erstaunlich Album-stimmig sortiert hat. Gute Aussichten also.

Und in diesem Sinne: Schönes neues Jahr!