Steffen Schleiermacher.
Foto; schleiermacher-leipzig.de

Wenn einer, wie Steffen Schleiermacher, seit mehreren Jahrzehnten Komponist, Pianist, Dirigent, Ensembleleiter, Musikorganisator und -Moderator ist, dann kann er viel erzählen. Fragt sich nur, wie. Nach der Lektüre des auch grafisch sorgfältig gestalteten Buches über ihn kann man sagen: seine Vortragsart macht große Lust, sich von ihm in eine gut geführte Wirtschaft zu setzen und ihn einfach erzählen zu lassen.

Folgt man den hier versammelten Texten, wäre bei so einer Gelegenheit wohl Aufschlussreiches wie Amüsantes zu erwarten, anekdotisch, aber frei von Pathos. Schleiermacher sticht durch Auftritte mit gesundem Selbstbewusstsein hervor, jedoch ohne alle – bei zeitgenössischen Tonsetzern nicht so seltenen – Missions- oder Verkanntheitsgesten. Schleiermacher begreift sich als Aufklärer, aber auch als Unterhalter und sattelfesten Handwerker. Predigerhaftes liegt ihm fern. Seine bevorzugten Artikulationsformen sind die heiter-sachliche Anteilnahmen. Da, wo er auf Distanz bleibt, zeichnet ihn eine trocken-diskrete Ironie aus, die durchaus auch die eigenen Irrtümer und Umwege einräumen kann.

Erfahren lässt sich das in zehn Gesprächsrunden mit dem Journalisten Olaf Wilhelmer, denen man allerhöchstens anlasten könnte, dass sie im dialogischen Zusammenspiel manchmal allzu punktgenau orchestriert wirken und kaum unerwartet um die Ecke biegen. Andererseits bringt die straffe Linienführung große Stringenz und in der Summe so etwas wie eine zwar locker erzählte, aber formstreng gerahmte Enzyklopädie der Lebenswege und Kunstanschauungen des Musikers. Besonders berührend ist das immer da, wo Lehrer, Kollegen und Weggefährten gewürdigt werden: Nie undifferenziert lobhudelnd, sondern mit freundlich-dankbarer Geneigtheit.

In diesem Feld spielen, als Glückwünsche oder Würdigungen, auch viele von Schleiermachers eigenen Essays und Aufsätzen eine Rolle. Darin finden sich köstlich pointierte Satyrspiele, Gedankenblitze und auch einige etwas bemüht elaborierte Texte. Doch im Buchganzen entwickeln auch sie so etwas wie ein deutsch-deutsches Gesellschaftspanorama – von und mit einem Künstler, dessen bisheriges Leben sich fast exakt zur Hälfte zwischen der DDR und der wiedervereinigten Bundesrepublik aufteilt.

Man könnte es auch eine Retrospektive nennen, wobei hier, anders als im bildkünstlerischen Bereich, die eigentlichen „Werkstücke“ des Komponisten und Interpreten nur indirekt mitspielen können. Wer nun Lust darauf bekommt, würde wohl feststellen, dass es da auch Gemeinsamkeiten gibt: in einer kommunikativen Offenheit, die sich nicht unbedingt selbst, wohl aber die Kultur als Medium menschlichen Austauschs wichtig nimmt.

Steffen Schleiermacher/ Olaf Wilhelmer (Hrsg.): Der Avantgartainer. Texte und Gespräche. Kamprad 2020. 224 S. mit Abb., Hardcover, 34,90 €