Ilse Maria Dorfstecher (1932-2020)
Foto:  Inselgalerie

Berlin-Nur noch ganz selten kam sie in der letzten Zeit, um nach ihrem „Lebenswerk“ zu sehen, der Weg von Grünau in die Stadt war beschwerlich geworden für die kränkelnde 88-Jährige. Die Inselgalerie, das Kunst-Schaufenster des 1993 von ihr gegründeten Vereins Xanthippe, war viele Jahre Ilse Maria Dorfstechers zweites Zuhause. Und noch am Tag vor ihrem Achtzigsten schob sie ganz selbstverständlich den ehrenamtlichen Galerie-Dienst. Das war 2012, damals noch in der Torstraße.

Den zwangsläufigen und mühsamen Umzug der gentrifizierten Xanthippen von Mitte nach Friedrichshain, in eine leer gewordene Sparkassenfiliale an der Petersburger Straße, begleitete sie mit guten, aufmunternden Worten per Telefon: „Verliert nicht die Nerven!“

Am 14. März ist die energische alte Dame mit dem großen Herz für die weibliche Kunst, deren Namen wohl eine jede Künstlerin in Berlin und Brandenburg kennt, gestorben. Durch ihr Engagement haben sich in der Inselgalerie über 600 Künstlerinnen aus der ganzen Bundesrepublik und aus Europa getroffen und ausgestellt. Unermüdlich führte Dorfstecher den Dialog zur „europäischen Identität“ und für die Gleichstellung von Frauen im Kunstbetrieb. Nach dem Ende der DDR hatte sie rasch erkannt, dass gerade Künstlerinnen nach dem Wegbrechen des staatlichen Kunstsektors sich selbst neue Strukturen schaffen müssten.

Eine selbstlose Ermöglicherin

Sie   knüpfte ein Netzwerk von Künstlerinnen, das die gemeinsamen Ausstellungen durch europäische Städte führt und bekannt macht, suchte die Partnerschaft zum Frauenmuseum Bonn und zur Gedok, dem ältesten und europaweit größten Netzwerk für Künstlerinnen. Sie arbeitete noch im hohen Alter im Vorstand der Europäischen Frauenakademie der Kunst und Wissenschaft Berlin mit. Das künstlerische Erbe von Frauen zu bewahren, sei, sagte sie in einem Gespräch, eines ihrer größten Anliegen. So brachte sie mit Projekten die Sammlung und Archivierung von europäischer Frauenkunst, die Organisierung von Retrospektiven fast Vergessener und die Vernetzung von Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen aus Ost- und West voran.

Dafür bekam die studierte Theaterwissenschaftlerin und Germanistin 2007 den Frauenkunstpreis Berlin. Die Energische mit dem markanten kastanienbraunen, zuletzt ergrauten  Lockenschopf war aus Dömitz an der Elbe nach Berlin gegangen, um an der Humboldt-Universität zu studieren und später beim Rundfunk Regie zu führen. Bis 1990 leitete sie das Plakatarchiv des DDR-Verbandes Bildender Künstler. Damals baute sie die einmalige Sammlung von 30 000 Plakaten und Postern auf. Dieser dokumentarische und künstlerische Schatz ist inzwischen ins Archiv der Akademie der Künste eingegangen.

Ilse Maria Dorstechers Leben war es, sich einzusetzen. Kunst zu ermöglichen, Kunst zu vermitteln. Die Frage „Und was kriege ich dafür?“, die gab es bei ihr nicht.