Berlin - Da, wo ich mir vor 35 Jahren im Blauhemd die Beine in den Bauch gestanden habe, saßen am vergangenen Wochenende ein paar in die Jahre gekommene Genossinnen und Genossen auf Kunststoffstühlen und hielten vor dem frisch geputzten Denkmal rote Fahnen hoch. Das Thema der öffentlichen Gesinnungsbekundung war dasselbe: Ehre dem 1944 im KZ Buchenwald ermordeten Arbeiterführer Ernst Thälmann! Ehre in den Maßstäben der großen friedliebenden Sowjetunion, aus der der Künstler Lew Kerbel herbeigeschickt wurde, um mal ein angemessenes Denkmal zu errichten.

Der Lenin-Spezialist klotzte eine 50-Tonnen-Bronze auf den neuen gleichnamigen Platz, die Ähnlichkeit zum Original-Sujet war verblüffend, weswegen das Monument auch unter dem spöttischen Namen Ernst-Lehmann-Denkmal lief. Ich kann mich an keine Einzelheit der Eröffnungszeremonie erinnern, wohl aber an den Kontrast: ein Wohnviertel mit Grünflächen, wo einst ein Gaswerk stand und stank. Toll! Wozu man einen Aufmarschplatz benötigen sollte, außer um den Aufmarschplatz mit dem nötigen Respekt zu eröffnen, war mir schon damals ein Rätsel. Und bald ist er dann ganz aus der Mode gekommen: der Fahnenappell.

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