Ein Märchenfilm für alle: „Cinderella“ : Das Ein Spiel namens Leben

Wenn man den Menschen nicht mehr vertrauen kann, muss man sich an die Tiere halten. Diese Erfahrung macht schon das bedauernswerte Aschenputtel der Gebrüder Grimm, dem – „rucke di guck“ – die Vögel zur Hilfe kommen, als es Erbsen und Linsen auslesen muss: „Die guten ins Töpfchen/die schlechten ins Kröpfchen“.

In Disneys Animationsfilm „Cinderella“ aus dem Jahr 1950 verwandeln sich Mäuse und anderes Getier gar ins livrierte Personal einer prächtigen Kutsche, die ihrerseits aus einem Kürbis erwächst. Und weil die Tricktechnik im Lauf eines guten halben Jahrhunderts atemberaubende Fortschritte erzielt hat, ist Kenneth Branagh anno 2015 in der Lage, dieses Zauberkunststück der Guten Fee sogar als Realfilm zu präsentieren: „Cinderella“ ist mit Darstellern aus Fleisch und Blut in der wirklichen Welt angekommen, aber auch hier nicht minder animistisch und märchenhaft als seit Jahr und Tag.

Nur wenige Seiten umfasst die Geschichte in der von Jacob und Wilhelm Grimm gesammelten Fassung, und sie wird gleich zu Beginn als finsteres Schattenspiel intoniert: Schön und weiß sind die beiden Schwestern, die Aschenputtel zusetzen, nur vom äußeren Angesicht – im Herzen sind sie garstig und schwarz.

1950 sah dies im Zeichentrickfilm mit Gesang und Orchesterbegleitung schon anders aus. Zwar orientierte sich Disneys Animationsheer unter Anleitung von Mary Blair durchaus an einer expressionistischen Scherenschnitt-Ästhetik, zumal, wenn es um die Kulissenzeichnung mit gespensterhaften Wäldern ging. Was aber die Figuren betraf, herrschte der Disney-Stil vor, mit fließenden Linien, kräftigen Farben und nicht selten niedlicher Cartoon-Optik. Bereits in den Jahren zuvor hatte Disney mit „Schneewittchen“, vor allem aber mit „Bambi“ Maßstäbe gesetzt, als es darum ging, das Publikum emotional in Wallung zu versetzen, darüber aber eine kindgerechte Ansprache nicht zu vernachlässigen.

Disneys Lust am Feuerwerk

Kenneth Branaghs aktuelle „Cinderella“-Verfilmung schließt sich diesem Geist an, ja, sie potenziert Disneys Lust am Feuerwerk noch. Keine Spur mehr von schwarz-weißen Kontrasten wie im Märchen der Brüder Grimm, zumindest auf dem Gebiet der Bildgestaltung: Branagh schwelgt im bonbonfarbenen Sternenstaub. Rote Locken, grünes Kleid, blaue Augen, blondes Haar – hier verhalten sich die Farben so komplementär zueinander wie Cinderella und der Prinz, wenn sie sich in den siebten Himmel tanzen. Branagh ist als Regisseur dank seiner Shakespeare-Verfilmungen bekannt, doch es ist nun „Cinderella“, mit der er sich in einen kindlichen Sommernachtstraum der Kostüme, rauschenden Bälle und prachtvollen Schlösser hineinfantasiert.

Ein Miesepeter, wer darüber beklagte, hier werde nun endgültig Verrat an den Abgründen begangen, wie sie sich im Grimm’schen Märchenkosmos auftun. Dies geschieht nämlich nicht. Branagh übersetzt nur mit zeitgenössischen Mitteln, was schon der ursprüngliche Text, was aber auch der Zeichentrickfilm von 1950 entwerfen: eine Welt ohne Sicherheit, eine Realität im permanenten Wandel.

So verliert Cinderella zunächst die Mutter, die das Kind in ihr für unsterblich gehalten hatte, dann den Vater. Aus dem Wohlstand der Kindheit wird sie in die Asche des Küchenkamins verstoßen, aber was für sie gilt, trifft gleichermaßen auf die giftige Stiefmutter und die Stiefschwestern zu: Wer hätte gedacht, dass Cinderella ein gütiger Zauber, dass ihr Mäuse, Echsen, Hexen und Vögel zur Hilfe eilen würden; wer hätte damit gerechnet, dass am Ende sie es sein wird, die den Prinzen kriegt? Lauter Unbekannte in einem Spiel namens Leben.

Branagh, der Schauspieler, versteht es als Regisseur, seine Kollegen anzuleiten – nicht allein die Stars wie Cate Blanchett als eisige Mutter, oder Helena Bonham Carter in einem magischen Auftritt als gütige, aber leicht schusselige Fee, oder Stellan Skarsgård als Großherzog, der über die selbst ausgelegten Fallstricke stolpert. Nein, auch eine eher unbekannte Darstellerin wie Lily James füllt ihre Hauptrolle in einer Mischung aus Klein-Mädchen-Charme und erwachender Erotik überzeugend aus. Beschenkt wird sie wie wir alle mit einem Kürbis, der sich in eine goldene Kutsche verwandelt. Was für ein märchenhafter Effekt.