Ist unsere Stadt ein Mythos, der viele nährt und verschlingt? Was hält ihn am Leben? Berlin bei Nacht.
Foto: Frank Ramspott

BerlinDie Angaben sind schwankend: 5000 bis 10.000 Künstler, dazu eine ungenaue Zahl von Autoren, leben in dieser Stadt, die von der Kultur in den Mund lebt und sich dabei mit sich selbst beschäftigt wie keine andere. Sie füttert ihren Mythos und sie macht nicht satt, auch heute, in den neuen Zwanzigern. Ob sie ebenso vergoldet werden, wie 100 Jahre zuvor, wird sich zeigen. Kein Blick trifft ins Herz dieser Mythenmaschine, kein Stethoskop ergründet ihr Prinzip. Jeder stochert im Getriebe, Patina fällt ab und man ist dankbar für ein wenig Kenntlichkeit. Da wäre Analyse hilfreich. Die verlangt Zeit und hat mit Walter Benjamins Schildkröte zu tun (dazu später). Vielleicht sollte man die Stadt mit Abstand und als Modell begreifen, beschreiben und in den Dialog zwingen. Wir versuchen das.

„Modell Berlin“ ist ein kommunikatives medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Es holt Berliner Institutionen an den Tisch, die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung St. Matthäus der Evangelischen Kirche, die UdK, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter-Benjamin-Archiv der Akademie und andere. Beteiligt sind Autoren aus den verschiedensten Bereichen, die ihre Perspektiven unter anderem hier „Unterm Strich“ einbringen werden. Was ist so groß an Groß-Berlin? Vor 100 Jahren stand die Stadt am Scheideweg, sie lahmte der Entwicklung der Gesellschaft hinterher.

Die Formung von 94 Stadt- und Landgemeinden zu 20 großstädtischen Bezirken war Voraussetzung für die sprunghaft wachsende Metropole, die von der preußischen Hauptstadt zur Hauptstadt des Kaiserreichs und der Weimarer Republik wurde. Die am 1. Oktober 1920 mit Gesetzeskraft beschlossene Agglomeration der Bezirke und Dörfer führte zur Genese einer Großstadt mit enormen Synergieeffekten. Nach dem revolutionären Verwaltungsakt traf Landbevölkerung auf Proletariat und Bourgeoisie, dazu kamen Intellektuelle und Künstler. Traditionen, Prägungen prallten aufeinander und führten, befeuert von technischen Neuerungen und sozialen Reformen, zu ungeheurer Beschleunigung in allen Lebensbereichen.

Was ist (noch) revolutionär an dieser Stadt?

Wir untersuchen nun: Was ist (noch) revolutionär an dieser Stadt? Ist es am Ende doch der Mauermythos, sind es die Tacheles-90er oder wieder, immer wieder die Zwanziger, an denen die Stadt sich letztlich selbst befriedigt? Uns interessieren Reflexionen, Thesen, Theorien, eine Philosophie für Berlin, die nicht zwingend von Einmaligkeit, Größe, von „Weltstadt“ ausgeht. Das Revolutionäre, Modellhafte kann im Kleinen, ganz Kleinen liegen, unter der Pflasterplatte, im Hirnkasten, in der Zukunft, in der Geschichte und oft tief versteckt. Versteckt in Archiven, diesen mit der Menschheit und über sie hinaus wachsenden Batterien eines revolutionären Gedächtnisses und der Schöpfungskraft, die wir so schwer nutzen können, weil wir an allem zu viel haben im Turbo einer nie endenden Gegenwart, die auf Surplus angelegt ist und keine Struktur für die Aufbewahrung des Vergangenen hat.

„Modell Berlin“ beruft sich auf Walter Benjamin als Kulturkritiker, als Kritiker der Großstadt. Geboren in Charlottenburg um 1900, gestorben 1940 im Exil, wo er auf der Grenzlinie zur Freiheit sein Leben beendete. Sein nachgelassenes „Passagen-Werk“, sein Lebens-Fragment, eins der gewaltigsten, das die Literaturgeschichte kennt, ist Anstoß für „Modell Berlin“. Benjamin schreibt seine „Passagen“ ab 1927 in Berlin, aber über Paris, „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“, um dort den Urgrund einer Hauptstadt der Moderne nach soziokulturellen, geschichtsphilosophischen Motiven zu erforschen.

Ein Berliner Passagen-Projekt

Kenneth Goldsmith, geboren 1961 in Long Island, übernimmt diese Ausgangslage ab 2010 und legt von hier aus das Netz seiner kontextualen Untersuchung der Stadtbühne New York aus, Ergebnis: „Capital of the 20th Century“, 909 Seiten in der Kurzfassung, Verso Publishers 2015. Keine Ahnung (doch, eine Ahnung …), warum Berlin so was nicht hat. Wir wollen das ändern. Wir nehmen Berlin als Gegenstand einer Betrachtung vor, die den Modellcharakter erst erweisen muss. Wir stellen ein Berliner Passagen-Projekt auf, ein philosophisches Panorama, eine literarische Kartographie, ein Wörterbuch in Bild und Ton der Lebenswelten dieser Stadt. Wir präsentieren es in dieser Kolumne sowie begehbar demnächst an verschiedenen Orten, Rändern und Mitten Berlins.

In der Berliner Zeitung lesen Sie Denkansätze und Betrachtungen von beteiligten Autorinnen wie Luise Meier, Annett Gröschner, Franziska Hauser, Wolfgang Engler, Thomas Martin und vielen anderen. Sie werden über Veranstaltungen und Ausstellungen informiert. Achten Sie auf das Logo: „Modell Berlin“!

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.