Der Countrymusiker John Prine.
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BerlinIm letzten Lied auf seinem, wie man nun weiß, letzten Album erzählt John Prine was er vorhat, wenn er die irdische Welt einmal verlassen muss. „When I get to heaven, I’m gonna shake God’s hand. Thank him for more blessings, that one man can stand.“ Er wird erst einmal Gott die Hand schütteln, wie sich das gehört, und ihm für die erwiesene Gnade danken. Schon in der nächsten Zeile jedoch hängt er sich eine Gitarre um und gründet eine Rock’n’Roll-Band. Im Himmel muss man sich um ihn keine Sorgen machen. Auf der Erde war das schon anders. Am Dienstag ist John Prine in Nashville an den Folgen seiner Covid-19-Erkrankung gestorben. Er wurde 73 Jahre alt. 

Die Reaktionen auf seinen Tod können nur ansatzweise widerspiegeln, welches Standing John Prine als Songwriter und Persönlichkeit in der Musikwelt genoss. Als einer der Ersten  kondolierte sein Freund und Kollege Bruce Springsteen, der daran erinnerte, wie sie beide einmal zum „neuer Dylan“ ausgerufen wurden. Man hätte ihnen auch gleich einen Mühlstein umhängen können. Aber der eine wurde dann immerhin ein Weltstar, während der andere weiter in Klubs auftrat und seine Songs in Interpretationen von Johnny Cash, John Fogerty, Joan Baez, Bonnie Raitt und vielen anderen berühmt wurden. Und um auch das noch zu erwähnen: Auch Bob Dylan blieb die Bravour dieser Dichtungen und Songerzählungen nicht verborgen. Er bescheinigte  Prine einmal „puren proustianischen Existenzialismus“.

Eines der besten Debüts der Popgeschichte

Das Besondere seiner Lieder ist dieser Blick auf die konkrete Welt mit konkreten Menschen und ihren konkreten Problemen, wie es zumindest für Countrysongs Ende der 60er-Jahre nicht unbedingt Usus war. Bevor er leidlich von seiner Musik leben konnte, hatte Prine  in einer Kleinstadt in Illinois die Post ausgetragen. So lernt man Leute kennen. Leute wie den Veteranen „Sam Stone“, der traumatisiert aus Vietnam zurückkehrte und von den Drogen nicht loskommt. Oder auch „Donald and Lydia“, die beide  ihrer Einsamkeit nicht mal mehr entfliehen wollen. In „Angel From Montgomery“ erzählt er von einer alten Frau, die an ihre Jugend zurückdenkt und daran, wie sie von der Zeit mitgerissen wurde wie von den Fluten nach einem Dammbruch. Es sind Songs seines ersten Albums von 1971, das als eines der besten Debüts der Popmusik gilt.

Video zu John Prines „Summer's End“.

Quelle: YouTube

 Als Countrysänger in des Wortes bester Bedeutung öffnete Prine dem als konservativ, wenn nicht gar reaktionär geltenden Genre einen völlig neuen Resonanzraum.   Zunächst hatte Prine seine Lieder auf den täglichen Botengängen verfasst und sie bestenfalls in Folklubs vorgetragen. Dass die Welt Notiz von ihm nehmen durfte, verdankt er Kris Kristofferson. Die Geschichte dieser Begegnung zählt zum Mythenschatz der Popmusik. Nach einem Konzert wurde Kristofferson spät nachts in einen Laden in Chicago chauffiert, wo er sich einen Musiker anhören sollte, der als vielversprechend galt. Die Stühle waren hochgestellt, als Prine das Podium betrat und sang. „Er war erst 24 Jahre alt und schrieb Lieder als wäre er 220“, wird der verdutzte Kristofferson zitiert. „Ich weiß nicht, woher das kommt.“

Das Glück kam, das Glück ging. 1998 wurde bei ihm Krebs am Hals diagnostiziert, später erwischte es die Lunge. Vom Tode gezeichnet, aber voller Humor und Lebensmut, trat er weiter auf. Im Januar wurde John Prine bei den Grammys für sein Lebenswerk geehrt. Gerade rechtzeitig.