Peter Handke 2019 in Paris.
Foto: Alain Jocard/AFP

ParisSagte ich etwas über den Titel, ich verriete das Ende. Das ist zwar selbst keine Überraschung, aber wie es dazu kommt, das muss man lesen. 158 Seiten hat die Erzählung. Lektüre für ein Wochenende und man hat noch Zeit, sich darüber zu streiten. Das wird nicht ausbleiben. Wem immer ich vom Anfang der Geschichte berichtete, winkte ab. Er oder sie wollte nicht mehr davon hören. 

„Das also ist das Gesicht eines Rächers’, sagte ich zu mir ...“ ist der erste Satz. Ein bisschen angestrengt um Aufmerksamkeit werbend. Aber das „sagte ich zu mir“, das mir zunächst gar nicht aufgefallen war, erscheint mir jetzt genial. Der Mann, so bekommt man im Laufe der Erzählung mit, möchte sich rächen an einer Frau, die vor vielen Jahren einmal von seiner Mutter behauptet hatte, sie habe mit den Nazis sympathisiert. Er werde jetzt, schreibt der Icherzähler „nach vielen Jahren des Zögerns, des Aufschiebens, in den Zwischenzeiten auch des Vergessens, aus dem Haus gehen und die längst fällige Rache exekutieren.“

Wer meine Mutter beleidigt hat, und dazu in Worten, womit ihr alle Ehre abgesprochen wurde, muss aus der Welt geschafft werden.

aus: Das zweite Schwert

Der Mann steigert sich in immer neuen Spiralen in immer groteskere Sätze: „... angetan hat die Person etwas, und mehr als nur Unrecht, meiner seligen, meiner heiligen Mutter! ... Wer meine Mutter beleidigt hat, und dazu in Worten, womit ihr alle Ehre abgesprochen wurde, muss aus der Welt geschafft werden.“ Es gibt im christlichen Abendland nur eine einzige heilige Mutter. Das ist die Muttergottes. Ihr Sohn ist Jesus Christus. Wir haben es bei dem Icherzähler Peter Handkes mit einer Wiedergeburt von Gerhart Hauptmanns „Narr in Christo Emanuel Quint“ zu tun. Einer freilich, die nicht auszieht, um zu predigen, sondern um zu richten.

Der Mann ist verrückt. Daran gibt es keinen Zweifel. Nicht nur an den Stellen, da er ein wenig sehr gewaltig  in die Registratur der christlichen Diskussion über die Wiederkehr Christi, die Parusie, greift, sondern womöglich noch mehr, wenn er davon spricht, dass die Zeitungen „auf dem Erdkreis das größte Unheil“ anrichteten. Das hat angesichts der tatsächlich stattfindenden Verheerungen etwas Groteskes.

Wer ist dieses Ich? Peter Handke ist es sicher nicht

Hier schreit jemand auf, dem alles durcheinandergeraten ist, der zwischen Worten und Taten nicht mehr unterscheidet. Weil er nur schreibt und nichts tut, will man, jetzt selbst aggressiv werdend, ihm über den Mund fahren. Aber wer ist dieses Ich? Peter Handke ist es sicher nicht. Seine Mutter Maria nahm sich 1972 das Leben. Handke schrieb darüber eines seiner erfolgreichsten Bücher „Wunschloses Unglück“. Dieses Ich ist der Icherzähler. Er hat vieles von Handke und Handke hat womöglich das Eine oder das Andere von ihm.

„Das Zweite Schwert“ ist auch ein komisches Buch, ein witziges sogar. Handke spielt mit absurden Übertreibungen. Die Erzählung beginnt mit einem zu seiner Bluttat ausziehenden Terroristen. Sie endet fast wie ein Fellini-Film mit einer Festgesellschaft. Dazwischen werden die Gewaltfantasien des einsamen Mannes, sein Hass auf sich in der Öffentlichkeit artikulierende Frauen ausgebreitet. Man begreift, wie er sich immer tiefer einspinnt in die Vorstellung, diese lange zurückliegende Beleidigung, die er selbst schon vergessen hatte, endlich rächen zu müssen.

Von Handkes Begeisterung für die serbische Sache ist hier nichts zu merken.

Mit einem Mal denkt man an die Schlacht auf dem Amselfeld im Jahre 1389 und wie Slobodan Milosevic diese in seiner Amselfeld-Rede 1989 für eine Wiederbelebung des serbischen Nationalismus nutzte. Von Handkes Begeisterung für die serbische Sache ist hier nichts zu merken. Der Icherzähler geht in die Falle seiner eigenen Geschichte. Er macht sich auf, Rache zu nehmen. Er weiß, wo er sein Opfer findet. Aber er setzt sich nicht ins Auto und fährt zu ihr. Er nutzt den öffentlichen Nahverkehr. Der Erzähler nutzt ihn ebenfalls.

Jeder Mitfahrende wird beschrieben. Man liest das zunächst als Handkes Trick, Spannung zu erzeugen. Aber in Wahrheit ist es so, dass sich immer neue Menschen zwischen den Protagonisten und sein Opfer stellen. Auch ein Blick aus dem Fenster absorbiert ihn. Dann steigt er einem Mitfahrenden nach, lässt sich von ihm hinauslocken in ein anderes Leben. Er hat die Fahrtrichtung geändert, jagt nicht mehr seinem Opfer entgegen, sondern entspannt sich. Er schaut nicht mehr in den Spiegel und in sein eigenes Rächergesicht. Er schaut in die Gesichter der anderen, erfindet Geschichten zu ihnen.

Und dann kommt der Hunger

Der einsame Rächer befindet sich mit einem Male in Gesellschaft. Im Alltag. Dann kommt der Hunger. Er weiß, wo er essen möchte. Ein Taxi. Jetzt ist die Humanisierung des Rächers durch den öffentlichen Nahverkehr schon so weit fortgeschritten, dass er zusammen mit dem Taxifahrer, der einmal ein bekannter Sänger gewesen war, Eric Burdons „I believed in fellowmen, when I was young“ hinaus in die Welt singt. Auf dem Fest, in das er gerät, sieht er die „Übeltäterin“ im Fernsehen und beschließt, dass es in keiner seiner Geschichten einen Platz für sie geben darf. Das Schweigen ist das zweite Schwert. Das ist seine Rache. Er will kein Alleinspieler mehr sein.

Peter Handke: Das zweite Schwert – Eine Maigeschichte, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2020, 158 S., 20 Euro