Sankt Florian, Sankt Florian“, hieß es früher in einem Spottlied über die Bigotterie, „verschon’ mein Haus, zünd’ andre an!“ Vor ein paar Jahren skandierten die Bürger aus dem Eifeldörfchen Randerath: „Wir wollen keine / Kinderschänderschweine“. Wo genau Klaus D., der Bruder einer ihrer Nachbarn, nach seiner Haftentlassung unterkommen sollte, war ihnen egal. In ihrem Dorf sollte der verurteilte Sexualstraftäter jedenfalls nicht leben.

Die täglichen Bürgerproteste von Randerath, die von den einen „Mahnwache“ genannt, von den anderen als Pogromstimmung empfunden wurden, erhielten für einige Zeit hohe Medienaufmerksamkeit. Am Beispiel von „Randerath“ wurde auch über die Belastbarkeit des Rechtsstaates debattiert. Was wiegt höher: Das Recht des Straftäters auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft oder das Recht dieser Gesellschaft auf einen angstfreien Alltag?

Aus der Perspektive des eigenen Fernsehsessels lässt sich diese Frage heute Abend ausgiebig begrübeln. Die von den Bürgern finanzierte, öffentlich-rechtliche Sendeanstalt ARD kommt, um es mal pathetisch zu formulieren, ihrer Bürgerpflicht nach, uns nicht nur in Häppchen über Ereignisse zu informieren, sondern sie auch ausführlich von allen Seiten und mit verschiedenen filmischen Mitteln zu durchdenken.

Plausibel erzählter Einzelfall

Der Fernsehfilm „Ein offener Käfig“ greift die Frage der Sicherungsverwahrung, auf die es keine einfachen Antworten geben kann, in einem fiktiven, aber durchaus plausibel erzählten Einzelfall auf: Georg Dühring (Martin Feifel) ist gewissermaßen auf der Durchreise: Aus der Haft entlassen, will sich der mehrfache Vergewaltiger einer Psychotherapie unterziehen, die ihn befähigen soll, seinen inneren Dämon auch „draußen“ im Griff zu behalten. Aber die Klinik hat erst in sechs Wochen einen Platz frei. So kehrt Georg in sein Elternhaus zurück, das ihm nach dem Tod des Vaters zur Hälfte gehört.

Juristisch ist die Sache klar: Georg ist ein freier Mann, das Haus ist sein Zuhause. Für seinen jüngeren Halbbruder Robert (Oliver Mommsen) bricht aber nicht nur eine heile Welt, sondern auch eine mühsam errichtete bürgerliche Existenz zusammen. Als Autohändler ist Robert ein angesehener Bürger der Kleinstadt. In der spricht sich schnell rum, dass das „Monster“ zurück ist. Geschäftsleute, der Stadtrat, Nachbarn und sogar sein bester Freund fordern mit entsetzensgeweiteten Augen von Robert, sich für ihre Sicherheit und die ihrer Frauen und Töchter und gegen das Recht des eigenen Bruders auf eine zweite Chance zu entscheiden.

Das Drehbuch von Holger Joos geht sehr behutsam mit der Thematik um. Immer wieder wird in Rückblenden die Vorgeschichte des Täters erzählt. Weil der Junge vom Vater wie ein Hund geprügelt wurde und der kleine Bruder tatenlos zusah, steigt nun der Druck für Robert, sich wenigstens diesmal schützend vor seinen „gefährlichen“ Bruder zu stellen.

Zur beruhigenden Unterhaltung Weiterzappen

Martin Feifel und Oliver Mommsen spielen das Brüderpaar sehr glaubwürdig und anrührend. Sie ersparen uns mit der etwas melodramatischen Backstory auch weitgehend eine Wahrheit, die nach dem Spielfilm die anschließende Dokumentation ins Licht rückt: Die Täter sind womöglich trotz Therapie – die es in Deutschland viel zu selten gibt – lebenslang nicht ungefährlich.

Es bleibt ein Restrisiko, das sich nur durch lebenslanges Wegsperren ausschließen ließe. Die Gesprächspartner von „Wieder draußen...“ machen dem soeben durch ein dramatisches Filmende stark emotionalisierten Fernsehpublikum, schonungslos deutlich: Am Ende muss die Gesellschaft die Furcht vor weiteren Übergriffen einfach hinnehmen. Es gibt diese absolute Sicherheit nicht. Im Rechtsstaat kann der Heilige Sankt Florian kein Haus rechtsverbindlich verschonen.

Es ließe sich nun noch darüber streiten, ob die Reihenfolge – erst der emotionalisierende Film, dann die aufklärende Dokumentation – für eine breit angelegte Bürgerdebatte über die Meinungsfindung im Allgemeinen und die Sicherungsverwahrung im Besonderen, die richtigen Akzente setzt. Tatsächlich kann der Mittwochsfilm mit seinen hochwertigen Filmangeboten für viele „unbequeme“ Fragestellungen eine Trichterfunktion haben, die die Aufmerksamkeit von Millionen zunächst bündelt und so anschließend das nötige Interesse für die Sachaufklärung weckt.

Aus der Perspektive der Staatsbürgerin wünschte man sich natürlich, dass dieses Interesse ohnehin da sein würde. Aber glaubt man der Zuschauerforschung, wandert das Fernsehpublikum nach dem St. Florians-Prinzip durch die Kanäle: Es meidet tendenziell die Angebote mit beunruhigenden Inhalten – und zappt ein Haus weiter zur beruhigenden Unterhaltung.

Themenabend „Sicherungsverwahrung“ am Mittwoch, 10. 9. 14.„Ein offener

Käfig“ um 20.15 Uhr; „Wieder draußen...“ um 21.45 Uhr, beides in der ARD