Der Tourismus liegt am Boden, aber du bist ein unendlich mutiger Mann, setzt dich in ein virenumwehtes Flugzeug und sorgst dadurch vielleicht für den Fortbestand der Lufthansa.
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BerlinVor ein paar Tagen stieg ich in ein Taxi und fuhr zum Flughafen Tegel. Was mir sofort auffiel: Der Taxifahrer war, für Berliner Verhältnisse, ungewöhnlich nett. Er hielt mir die Tür auf. Sagte: „Guten Morgen.“ Und mein Reiseziel schien ihn zu euphorisieren. „Zum Flughafen nach Tegel? Wirklich?!“

Die Stadt war wunderbar leer. Ich dachte: Jetzt ist eigentlich die beste Zeit, um viel mit dem Auto zu fahren. Auch moralisch. Wer im Auto sitzt, steckt niemanden an. Sondern schützt sich und andere. Zudem ist jede Autofahrt ja auch ein ganz wichtiges Zeichen der Solidarität. Für unsere krisengeplagte Automobilindustrie.

In Tegel war die Haupthalle geschlossen. Im Nebenbau, dort, wo vor kurzem vor allem Easyjet abflog, war es gespenstisch leer. Was mich traurig machte. Andererseits dachte ich aber auch: So fühlt es sich also an, wäre man Kaiser, König oder Königin und flöge von seinem eigenen Terminal ab. Die Sicherheitskontrolle? Alle rissen sich um mich. Ein Passagier, ein Passagier! Früher starteten täglich rund 500 Flieger in Tegel. Heute sind es noch zehn. Vielleicht war ich jetzt, vor der Schließung, einer der letzten Passagiere. Goodbye, mein süßer, tapferer Flughafen Tegel.  

Die Frau beim Sicherheits-Check sagte, als ich meinen Laptop nicht sofort in der Tasche fand: „Ach, lassen Sie sich ruhig Zeit.“

Erst dachte ich: Das meint sie ironisch. Aber dann half sie mir sogar beim Suchen.

Der Flieger, der mich nach München bringen sollte, war sehr klein. Eine Maschine, mit der man vor Corona allenfalls nach Saarbrücken oder eine andere Stadt ohne Tourismus geflogen wäre. Auf jeder Seite gab es nur zwei Sitze. Ein Sitz musste aber frei bleiben, zwei Passagiere durften nicht nebeneinander sitzen. Ich dachte: Danke, Corona. Endlich kann ich mal Business fliegen zum Preis der Economy-Class.

Jetzt wird jeder Pups moralisch extrem aufgeladen

Gut, es gab nichts zu essen. Nur eine Plastikflasche stilles Wasser wurde gereicht, das kleine Corona-Menü sozusagen. Aber egal. Über den Wolken wurde mir mal wieder klar, dass Fliegen eine großartige Form des Reisens ist, die hoffentlich ganz bald wiederkommt. Und nie aussterben wird. Auch umweltpolitisch ist Fliegen zurzeit völlig okay. Die „Flugscham“, über die vor kurzem noch heiß debattiert wurde, geht automatisch gegen null, wenn so gut wie niemand fliegt. Außer man selbst. Herrlich!

Schön ist auch: Dieses selbstgerechte, solidarische Retter-Gefühl, das mich innerlich erzittern ließ. In der Corona-Krise wird ja jeder Pups moralisch extrem aufgeladen. Früher bin ich halt einfach nur geflogen, jetzt rette ich Arbeitsplätze. Der Tourismus liegt am Boden, aber du, Jochen Gutsch, bist ein unendlich mutiger Mann und setzt dich in ein virenumwehtes Flugzeug und sorgst dadurch vielleicht für den Fortbestand der Lufthansa. Gepriesen werde dein Name!

Aber es wurde noch besser. Am super-super-leeren Flughafen München, auf der Abflugtafel standen noch sechs Flüge, ging ich zum Stand der Autovermietung, und ich erhielt statt des reservierten ärmlichen VW Polos als Upgrade einen VW Tiguan – ein riesiges, glitzerndes, wunderschönes SUV-Monster, in dem meine kurzen ostdeutschen Beine kaum bis ans Gaspedal reichten.

„Sie können das Auto leer zurückgeben“, sagte die Frau am Schalter.

„Was heißt leer?“, fragte ich.

„Sie brauchen nicht zu tanken“, sagte die Frau am Schalter.„Nicht?“

„Nein. Benzin ist in unserem Corona-Angebot mit drin.“

Wow, dachte ich. Zum ersten Mal, und vielleicht nie wieder, ist Deutschland servicemäßig ein absolutes Reise-Schlaraffenland.

Es weiß nur keiner.

Denn es reist ja keiner.