Der Schauspieler Winfried Glatzeder
Foto: Paulus Ponizak

BerlinSeine berühmteste Figur ist und bleibt Paul. Wie keine andere Defa-Produktion zeugt „Die Legende von Paul und Paula“ von der kurzen Aufbruchsstimmung, die Anfang der 70er in der kleinen DDR dämmerte. Für Winfried Glatzeder geriet der Erfolg zum Triumph und zum Stigma gleichermaßen. Figur und Darsteller wurden ständig vermischt. Offenbar nahm man ihm diese gleichsam romantische wie obsessive Rolle liebend gern ab. Nur Manfred Krug hatte vorher im Osten mit so glaubwürdiger Verve gespielt.

Wie dieser reiste Glatzeder später frustriert in die Bundesrepublik aus. Bis 1981 hatte er im Osten noch zahlreiche Rollen für Bühne, Bildschirm und Leinwand gespielt. Seine besten Auftritte im Kino fanden mit zwei Filmen von Rainer Simon statt. Als „Till Eulenspiegel“ absolvierte er 1975 eine darstellerische Tour de Force, mit der die alte Volkslegende vom renitenten Narren deutlich auf die Doppelmoral der Machthaber in der DDR-Gegenwart abzielte. Wenn Glatzeder zuletzt als anarchistischer Gaukler geteert und gefedert dem Galgen entkommt und grinsend seine Zunge Richtung Kamera ausstreckt, dann wurde dies sehr wohl als provokatorische Geste der Verweigerung verstanden. Der Schriftzug „Ende“ war in seine Haare hineinrasiert. Die Botschaft kam an.

Nach der Rohschnittabnahme gab ein Stasi-Zuträger sein „tiefes politisches Unbehagen“ zu Protokoll und äußerte Zweifel, ob „der Film wirklich auf unserer Seite“ sei. Auch die Komödie „Zünd an, es kommt die Feuerwehr“ von 1979 nutzt ihr historisches Gewand, um auf aktuelle Missstände hinzuweisen, fällt aber resignativer aus. Inzwischen hatte sich der kulturpolitische Wind wieder einmal gedreht. Simon griff eine authentische Geschichte aus seiner sächsischen Heimat auf, die sich dort Ende des 19. Jahrhunderts zugetragen haben soll. Glatzeder spielt hier einen opportunistischen Hauptmann der Feuerwehr, der in Ermangelung spektakulärer Einsätze zum Brandstifter wird.

In den Westen übergesiedelt, nahm Glatzeder nahezu jede Rolle an. Später gab und gibt es aber immer wieder erfrischende Querschläger, die seine alte Vorliebe für unorthodoxe Stoffe verraten. Gleich nach 1990 war dies etwa Herwig Kippings DDR-Exorzismus „Das Land hinter dem Regenbogen“, in dem er eine Nebenrolle als sexbesessener Alt-Nazi spielte. Für Peter Kern brillierte er zwei Mal mit ambivalenten, zwischen Nonchalance und Besessenheit pendelnden Figuren: 1992 in „Gossenkind“ als scheinbar braver Familienvater mit heimlicher Leidenschaft für Jungen und 2015 in „Der letzte Sommer der Reichen“ als sinistrer Diener einer Millionärin.


Die Defa-Filme mit Winfried Glatzeder sind heute größtenteils auf DVD erhältlich. 2008 erschien unter dem Titel „Paul und ich“ seine Autobiografie, Aufbau-Taschenbuch, 15 Euro