Das Ensemble Resonanz.
Foto: Tobias Schult

BerlinWas für Musik ist das eigentlich? Schostakowitsch selbst klassifizierte sein Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester aus dem Jahr 1934 als „ein Werk leichten Genres“. Und so wird es auch meistens gespielt, vergnüglich und parodistisch, voll heiterer Gedankensprünge über einen virtuosen Parcours, auf dem sich Haydn und Rossini, Chopin und Rachmaninow, Polka und elegischer Walzer ein Stelldichein geben. Man kann darüber schmunzeln, von dem beißenden Sarkasmus, den Schostakowitsch in dieser Zeit auch kultivierte, ist das jedenfalls weit entfernt.

Mehr Totentanz als Tanztee

Bei ihrem Konzert im Boulez-Saal machten der Pianist Alexander Melnikov und das Ensemble Resonanz aber noch eine andere Schicht dieser Musik spürbar, etwas Unheimliches und Gespenstisches. Das kam zum einen von den subtilen Klangfarben her, der außerordentlich feinen Charakterzeichnung, mit der Melnikov Schostakowitschs Gestaltenreichtum nachspürte. Die Luftigkeit, das manchmal fast Knöcherne seines Klangs lenkte die Assoziationen dabei eher in Richtung eines Totentanzes als eines Tanztees. Seltsam ist hier ja auch die Rolle der Trompete, die nach einem zirkushaften Einstieg über weite Strecken schweigt, sich dann erst im langsamen Satz zum einzigen Mal zum echten Dialog-Partner des Klaviers aufschwingt. Melnikov und Jeroen Berwaerts machen das in aller Stille zu einer Szene von traumartiger Intensität, einem trancehaften Ausstieg aus der vorwärtsdrängenden Zeit.

Das Surreale in Schostakowitschs überbordender Kombinatorik wurde aber schon durch den Kontext betont, in dem es hier stand. Aus György Ligetis Oper „Le grand Macabre“ erklang zu Beginn eine Szene, die Elgar Howarth für Trompete und Klavier eingerichtet hat. Slapstickartig, überdreht, im Witzereißen wie von Angst getrieben wirkte dieses kleine Stück instrumentalen Theaters, dessen groteske Spannung Ligeti gerade soweit ausdehnt, wie es noch geht.

Eigenartig schön und frei

Dazwischen dann zwei Stücke einer Frau, deren Musik die denkbar stärkste Absage an alle zynischen Spielereien darstellt. Galina Ustwolskaja zeigt schon in dem Werk, das sie 1946 zum Abschluss ihres Kompositionsstudiums bei Schostakowitsch schrieb, mehr als nur künstlerstolzen Eigensinn. Zwar sind in dem Konzert für Klavier, Streicher und Pauken die zeitüblichen Intonationen des Sowjet-Stils erkennbar, das Pathos der großen Gesten und die forcierte Munterkeit. Aber all das scheint nur auf, wird transformiert in eine unnachgiebig minimalisierte und asketisch ausgedünnte Klanglichkeit, die jede Spur von Gefälligkeit und Konformität ablegt. Losgelöst von allen Gattungsbezügen ist dann das 1950 entstandene Oktett für zwei Oboen, vier Violinen, Pauke und Klavier. So eigenartig schön, so frei, so streng und stark wirkt diese Musik, dass selbst der heftige Beifall danach etwas ungewöhnlich Ernstes zu besitzen scheint.