Killer Mike and El-P von Run the Jewels.
Foto:  Timothy Saccenti

BerlinFast könnte man an Prophetie glauben. Mitten auf dem neuen Album des HipHop-Duos Run the Jewels hört man einen Track namens „Walking in the Snow“. El-P, die eine Hälfte des Duos, hat ihn als dunklen und brachial industriellen HipHop-Track produziert, bedrohlich heulend, klaustrophobisch wummernd. Und dazu rappt sein Partner Killer Mike: „And everyday on evening news they feed you fear for free/ and you so numb you watch the cops choke out a man like me/ and til my voice goes from a shriek to whisper ‚I can’t breath‘.“

Killer Mike spricht jedoch gar nicht von George Floyd, der am 25. Mai, der Tag an dem das Album verschickt wurde, von einem Polizisten in Minneapolis getötet wurde. Er singt über Eric Garner, der 2014 in New York auf die gleiche Weise starb. Ungefähr dreißig Jahre liegt es zurück, als Public Enemys Chuck D HipHop zum schwarzen CNN erklärte. Mit Tracks wie diesem beweisen RTJ nicht nur, dass dies noch immer stimmen könnte, sie unterstreichen auch, dass es einen solchen Dienst noch immer braucht.

HipHop ist das derzeit einflussreichste Pop-Genre der Welt. Auf dem Weg dahin konnte man mitunter glauben, der Sozialrealismus sei ganz zu Gangsta-Klischees geronnen, die Wut in der Codein-Apathie von Trap versunken. Leuchtende Erfolge wie der Pulitzer-Preis für Kendrick Lamars künstlerische Wachheit schienen das eher zu bestätigen.

Run the Jewels wiederum stehen mit ihren jeweils gratis verteilten Alben seit 2013 für einen alternativen HipHop, der eine dezidierte und auch politisch informierte Indiehaltung mit lustvollem und gewitztem Straßendruck in die Charts wuchten kann, der derbe Unmittelbarkeit mit künstlerischem Eigenwillen verbindet. Auch das neue Album, wie immer nur nach der Werkszahl „RTJ 4“ benannt, gibt es wieder gratis als Download. Und wieder rollt es daher wie ein Monstertruck auf Gleitkufen, oder, wie El-P meint: „Ein gnadenloser, wilder Schlag ins Gesicht.“

Auf dem Papier klangen die beiden nicht eben wie ein algorithmisch sicherer Match. Jaime Meline alias El-P, New Yorker mit europäisch-jüdischen Wurzeln, stammt aus dem Brooklyner Underground der 90er-Jahre, wo er mit Company Flow und später seinen Soloalben eine dystopisch entwärmte Welt aus metallisch-elektronischen Sci-Fi-Landschaften mit einigem Crossover-Appeal entwarf. Killer Mike begann um 2000 im Umfeld der psychedelisch verzwirbelten Outkast in Atlanta, Georgia, und werkelte dort bis vor zehn Jahren als geschätzter, aber nur bedingt erfolgreicher Solist.

Gerade die unterschiedlichen Temperaturen jedoch scheinen die beiden wechselseitig zu befeuern. El-P setzt mit schier unerschöpflichem Erfindungsreichtum bedrohliche Bässe aus körpervollem, fremdartigem War-of-the-Worlds-Geräusch gegen drängelnde Einschübe aus hart geschnittenen Alienchören, schiebt zischende Percussion oder fanfarische Kanten aus kalter Elektronik dazwischen, eine Art laut wimmelnder Minimalismus, den er unerwartet leichtfüßig in Funkbewegung bringt. Sein leicht schneidender, von seinen 45 Jahren etwas angedunkelter Rapflow wird mit jedem Album griffiger, Mike stellt ihm einen etwas näselnd mit dem ganzen vibrierenden Swagger seiner 140 Kilo aus dem Mundwinkeln gepumpten Ton gegenüber.

Der ganze Krach gilt dabei, sollte man sagen, durchaus auch den angenehmeren Seiten des Alltags, die sie mit eloquenter HipHop-Angeberei feiern. Die wilde Abwechslung, die sie aus ihren amelodischen Mitteln schöpfen, ist großartig. Als Grundthese könnte man vielleicht diese Zeilen zitieren: „Ich kann nicht sagen, dass ich Reichtum und Ruhm verachtet habe/ aber kein Spaß konnte mich je vor den Schmerzen bewahren.“ Aber schon durch die aktuelle Nachrichtenlage tönt der politische Krawall lauter als alles andere.

Nicht nur die alarmistische Drängelei der Sounds, auch der politische Dampf erinnern an Public Enemy, deren „My Uzi Weighs a Ton“ sie hier – neben anderen Old Schoolern aus dem Golden Age des HipHop, den Wu-Tang Clan, Ol Dirty Bastard, Gang Starr – zitieren. RTJ ziehen die Linie jedoch tiefer in die Geschichte, bis zum Civil Rights-Soul der 80-jährigen Mavis Staples: „Ich habe eine Granate in meinem Herzen“, singt sie, „und ihr habt den Zünder in der Hand.“

Im richtigen Leben nutzt Killer Mike – wie Public Enemys Chuck D – seinen Punch seit längerem auch als öffentlicher Intellektueller, ein früher „Black Lives Matter“-Aktivist, der auf Vorträgen und in Artikeln über institutionalisierten Rassismus und Polizeigewalt spricht. „Die Kinder zünden die Städte an, weil sie einfach nicht wissen, was sie sonst noch tun sollen. Aber wir wollen ja nicht die Stadt abfackeln – sondern ein System, das den systematischen Rassismus zementiert“, sagte er gerade in einer bewegten Rede in Atlanta.

„Ich könnte jetzt auf die Polizisten schießen/ oder mir selbst die Kugel geben“, rappt er wiederum auf dem Album notdürftig gangstarisch getarnt. Lieber Letzteres, meint er: „Die Bullen sollen mich nicht kriegen/ dafür bin ich zu stolz.“ Die große künstlerische Leistung liegt in der schieren Physis der Sounds, eine Geräuschlawine aus dem Grollen von Jahrzehnten. Das Album wirkt natürlich wie ein Soundtrack zur aktuellen Situation, die andererseits ja keine neue ist. Aber noch wichtiger ist, wie unmittelbar man den Stolz in dem wütenden Getöse spürt. Und die bittere Hoffnung, dass vielleicht endlich jemand zuhört.