Berlin Dauerausstellungen sind für gewöhnlich das Vertraute und Verlässliche in einem Museum. Alles historisch eingeordnet, kanonisiert,  am gewohnten Platz. Diese Zone der Gemächlichkeit, Abgeklärtheit und erregungsbefriedeten Kontemplation mischt die vor 45 Jahren gegründete Berlinische Galerie nun lustvoll auf. Hat man erst einmal die  imposante Treppe in der Haupthalle nach oben genommen, ist beim Rundgang auf über 1000 Quadratmetern „ein Zeitalter“ zu besichtigen, um mal den Titel von Heinrich Manns kapitalen Roman zu belehnen, übertragen auf die hier ausgebreitete disparate Kunstgeschichte Berlins – vom Kaiserreich über die Weimarer Republik , die Nazi-Diktatur und den Krieg bis zur deutschen Teilung und der  getrennten Kunst in West und Ost. 

Die Zeitreise beginnt zunächst, ganz vertraut, vor und um die Jahrhundertwende und deren unterschiedlichsten künstlerischen Setzungen – von Hofmaler Anton von Werners Akademismus über Eugen Spiros schwülen Symbolismus bis zu Heinrich Zilles schonungslosen Milieu-Fotos. Von da geht es mit der Neugestaltung des Kapitels mit der Berliner Secession, etwa dem lichtmalerischen Strandmotiv des Impressionisten von Theo von Brockhusens und Lesser Urys liegendem Frauenakt zügig  weiter zum Schauplatz der Avantgarde, zu Herwardt Waldens Sturm-Galerie, zu den Expressionisten, Futuristen, Kubisten, Konstruktivisten. Erstmals seit sieben Jahren ist wieder der Dadaisten-Raum zu sehen, diese Berliner Anti-Kunst von Hannah Höch, Raoul Hausmann. An der Decke baumelt John Heartfields „Preußischer Erzengel“ von 1920 in Soldatenuniform und mit Schweineschnauze. Die Gesichter der Großstadt, gemalt, gezeichnet von Grosz, Dix, Jeanne Mammen, von Schad und Schlichter verweisen auf die harte Lebensrealität, ausgedrückt expressiv-existenzialistisch oder im sezierenden Stil der Neuen Sachlichkeit.

Rainer Fetting aus der Gruppe der„ Jungen Wilden“, Westberlin 1977: Gelbe Mauer (Luckauer Straße/Sebastianstraße).
Foto: Rainer Fetting

Die Farbgestaltung der 18 Kapitel ist neu, hell, frisch. An den Wänden der Treppenhalle haben die Ausstellungsmacher Lovis Corinths vis-à-vis vier große Tafeln des spektakulären, eigentlich elfteiligen Mythologie-Zyklus‘ zum Thema „Helden Ritter, Ungeheuer“ platziert, gemalt 1913/14. Es war ein Auftrag des jüdischen Industriellen Ludwig Katzenellenbogen, unter den Nazis ermordet in einem Konzentrationslager. Sechs Tafeln sind im Besitz der Berlinischen Galerie, 1980 angekauft aus dem Nachlass der in die USA geflohenen geschiedenen Frau des Mäzens. Corinths Stilistik ist ungebändigt. Liebe, Sexualität, Begehren und Tod nehmen geradezu eine Zwangsstellung ein. So nah hat man diesen Secessionisten in der Berlinischen Galerie noch nie gesehen: tabulos körperlich, leidenschaftlich – und bisweilen fast comicartig.

Ein ganzer Raum, auch dieser ist neu, gilt dem Ballonfahrer und Fotografen Robert Petschow und dem „Neuen Sehen“ um 1930, lauter kühne Luftaufnahmen aus Ballonkörben und Luftschiffen, die technikbegeisterte Vogelperspektive, offenbar unberührt von den politischen Schlagschatten der Zeit. Denkwürdig schließen sich daran die Kriegsfotografien von Herbert Tobias an: Ostfront. Russland im Jahr 1943, Brutalität, metaphorische Dichte, Symbolhaftigkeit, Schmerz und Trauer – das ist mehr als Dokumentation. Dann sind wir in den 50er-Jahren. Werner Heldt malte 1954 eine Berliner Häuser-Stillleben, das nicht mehr Ruinenkulisse, aber auch noch keine behauste Zukunft darstellt. Den Traum vom Eigenheim im Stadtgrün steuerten Architekten nach dem Vorbild Scharouns und des Bauhauses bei. Die Modelle, von Sergius Ruegenberg  für die Wasserstadt Spandau entworfen, füllen – individuell und funktional – als dreidimensionale (Ideal)-Objekte die Wand.

Es folgt eins Saal mit Malerei und Fotografie unter der thematischen Klammer „Abstraktion als Sprache der Freiheit“. Hier sehen wir die fotografischen Experimente des Ostberliner Metallbildhauers Fritz Kühn um 1950, die Hard Edge-Zeichnungen seines Westberliner Freundes  und Kollegen Hans Uhlmann, dazu die  von allem Gegenständlichen gelösten Farbabstraktionen der  Maler Fred Thieler und Hann Trier.

Trak Wendisch:„ Mann mit Koffer,“ 1983 , Sinnbild für die Ausreise aus der DDR in den Westen.
Foto: VG BIldkunst Bonn 2020/Trak Wendisch

Finale dann im neu gestalteten Raum „Im Schatten der Mauer“: Trak Wendischs düsteres Ausreisebild „Mann mit Koffer“, 1983 wird zur Metapher der Ratlosigkeit und Verzweiflung vieler junger Leute in der DDR und  auch der damaligen Stimmung des Pankower Malers, der beim alten Heisig in Leipzig studiert hat. Die Szene wird flankiert von K.H. Hödickes Triptychon „Der Große Schlachter“, 1963 und Georg Baselitz‘ „Ein moderner Maler, 1966 , daneben Eugen Schönebecks „Der Gekreuzigte, 1964. Gegenüber leuchtet Rainer Fettings „Gelbe Mauer“ von 1977. An diesem grell übermalten Beton scheiterten seit 1961 alle Freiheitsräume. Berlin-Bilder, Deutschland-Bilder. Bei der nächsten Umgestaltung der Dauerausstellung braucht es einen Raum für das 19. Kapitel: Berliner Kunst aus der wiedervereinigten Stadt, in der heute mehr als 10.000 Bildende Künstler leben.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128. Mi-Mo 10-18 Uhr.