Einmal in der Woche gab es Gedächtnistraining. Ein arbeitsloser Politologe leitete gegen ein kleines Honorar den Kurs. Er saß in einem Kreis von vielleicht zwanzig sehr alten Menschen und beschrieb Personen der Zeitgeschichte. Wer als als erster erriet, um wen es sich handelt, hatte gewonnen. „Es gab einmal ein musikalisches Quartett aus London, das nannte man wegen seiner Frisuren Pilzköpfe“, begann der Politologe. „Liverpool“, schrie eine alte Frau empört, die sich bislang kaum an dem Quiz beteiligt hatte: „Aus Liverpool kamen die, nicht aus London!“. Eins zu null fürs Alter. Ein kostbarer Triumph. Monate später war es mit der Erinnerungsgabe der Frau vorbei, trotz des Trainings.

Auch meiner Mutter hatten die Beatles schon auf der Zunge gelegen. Ich war stolz auf sie. In meiner Mittagspause war ich zu Besuch ins Heim gekommen und in den Kurs geraten. Ein anderes Mal mühte sie sich in ähnlicher Runde mit einem Tannenbaum ab, den sie mit einer stumpfen Bastelschere aus einen Stück Karton schneiden sollte. „Ein Mist ist das“, fluchte sie, brachte das Werk aber, zielstrebig wie sie nun mal zeitlebens war, zu Ende.

Sonderbar ist es für einen Sohn, seine Mutter, die allmächtige Herrscherin über seine früheste Kindheit, nun selbst als Kind zu sehen. Und mehr als das: pflegebedürftig in wachsendem Maße, den Weg aller Entwicklung rückwärts gehend. Mein Bruder und ich hatten sie unter gutem Zureden aus dem Ruhrgebiet entführt und in unsere Nähe in ein Kreuzberger Heim gebracht. Ihr Hausarzt hatte uns mehrfach angerufen, um zu vermelden, dass es nun nicht länger zu verantworten sei, sie allein in ihrer Mietwohnung wohnen zu lassen. Die anderen Bewohner des Hauses hatten sie zudem immer unverhohlener zum Auszug gedrängt, da sie fürchteten, die zunehmend verwirrte Frau könnte eines Tages das Dach über ihrem Kopf anzünden.

Menschenachtung, gar Liebe

Im Heim fand sie schnell Anschluss an einen Kreis beredter Damen, die auch äußerlich auf sich hielten und in dem von weit hinfälligeren Gestalten geprägten Heimflur eine geradezu aristokratisch wirkende Tischgesellschaft bildeten. Doch viel zu schnell breitete sich auch in dieser bisweilen sogar heiteren Runde das Gift des Alterns aus. Es ließ die eine sterben, die andere verstummen, bis ein vorübergehender Umzug des ganzen Heims die geglückte Konstellation der alten Damen endgültig sprengte.

Ich begriff, wie fragil die Beziehungen zwischen sehr alten Menschen sind, wie diktatorisch der Zufall über die letzten Momente von Glück und Trostlosigkeit entscheidet. Von nun an war meine Mutter ziemlich allein. Es war ihren wunderbaren Pflegern zu danken, dass sie in der Folge über etliche Jahre hinweg einigermaßen glimpflich in die sich verschlimmernde Demenz hinüberglitt. Nicht, dass es ein besonders feines, aufwändiges Heim gewesen wäre, im Gegenteil, baulich katastrophaler hätte es kaum sein können. Es war preislich unterer Durchschnitt, aber geprägt von einer schlichten Menschenachtung und bisweilen gar Liebe, die mich nach Überwindung erster Schrecken durchaus gern dort auftauchen ließen.

Den Pflegern machte es nichts aus, wenn meine Mutter abends noch stundenlang in deren Pausenraum zubrachte, der doch eigentlich dem Rückzug des Personals dienen sollte. Zu ihrem Glück war meine Mutter von einem freundlichen, zugewandten Wesen und zugleich von einem großen Stolz geprägt, der sie nicht lange klagen ließ. „Was in meinem Innersten vorgeht, geht niemanden etwas an, schon gar nicht meine Söhne“, hatte sie einmal vor Jahrzehnten gesagt, als wir ihr im Streit auf die Psychotour kamen. Sie war stets auf Unabhängigkeit bedacht und auch jetzt nach Kräften bemüht, pflegeleicht zu sein.

Im Pflegeheim gab es andere Kaliber. Boshafte Alte, die sich einen Spaß daraus machten, die Pfleger zu schikanieren, sie kratzten und bissen und nachts herumschrien, und zwar nicht vor Schmerzen.

Wenn ich meine Mutter im Pflegeheim besuchte, sah ich Menschen in verschiedenen Stadien ihrer Persönlichkeitsauflösung in den Fluren sitzen, Stadien, die ihr noch bevorstanden. Die stundenlang wie versteinert auf ihren Stühlen hockenden Greise haben mich verstört und geängstigt, mehr noch die unverständlich auf mich Einbrabbelnden oder jene, die wie aufgezogen mit ihren Rollatoren die Flure unsicher machten, getrieben von einer motorischen Unruhe, die von keiner geistigen Neugier gedämpft werden konnte.

Unsere Angst, ein Missstand

Man ist schnell verführt, im anstößigen, weil jedes Gewissen quälenden und Angst machenden Zustand dieser Menschen ein Versagen der Pflege zu sehen – so als seien die Kranken mit einem Spaziergang oder einem freundschaftlichen Stups aus ihrem misslichen Zustand zu holen. Wir sind gewohnt, hinter jedem Leid einen Verantwortlichen zu sehen. Noch in diesem Sterben in Zeitlupe hoffen wir einen bloßen Missstand sehen zu können, dem abzuhelfen wäre, würden sich die Pfleger nur endlich mehr Mühe geben. Damit sollen nicht die bestehenden Pflegenotstände kleingeredet werden. Natürlich fehlt das Personal an allen Ecken, natürlich wären mehr Spaziergänge schön. Vermutlich gibt es Heime, die weniger liebevoll geführt sind, einzelne Etagen, in denen Faulheit und Rohheit herrschen. Aber mehr Gerechtigkeit und Dankbarkeit gegenüber dem Pflegepersonal wäre in vielen Fällen angebracht. Es ist nicht einfach, verantwortlich in einer Institution zu arbeiten, die in der Öffentlichkeit als menschengemachte Vorhölle verschrien ist, weil wir nicht in der Lage sind, die Schrecken des allmählichen Ablebens zu akzeptieren.

Am Schluss war es meiner Mutter nicht mehr wichtig zu reden. Sie, die einmal eine gute Lehrerin war, las ungläubig Zeitungsschlagzeilen wie eine Sechsjährige, ohne den Sinn zu erfassen. Händchen halten wurde wichtig, eine Elementargeste, die ich in ihrer stillen Kraft erst wiederentdecken musste. Ich fuhr spät abends hin und half ihr beim Einschlafen. Danach saß ich gern noch mit den Pflegern zusammen. Sie wussten erstaunlich viel über ihre Alten zu erzählen, ihre Schicksale und Lebensgeschichten, ihre Absonderlichkeiten und Liebenswürdigkeiten. Immer hatte ich bewundert, wie sie tagsüber im Vorübergehen noch Zeit fanden für eine kurze Umarmung von diesem oder jenem, wie sie die Hand hielten beim Einflößen des Wassers. Nun begriff ich, wie viel Raum die alten Menschen in ihren Gesprächen und Gefühlen einnahmen, trotz der Zeitnot, trotz des dauernden Abschiednehmens.

Ich habe in diesem Heim viel über das Leben gelernt, von seinem Ende her. Etliche der Schicksalsgenossinnen meiner Mutter sind mir ans Herz gewachsen, auch wegen ihres oft skurrilen Humors. Eine trug gern ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift „Mission vollendet.“ Sicher, in den Fluren hing bisweilen der Geruch von Urin. Da muss man durch.