Kathrin Rögglas jüngstes Buch umfasst nur 64 Seiten, und die sind noch nicht einmal alle von ihr. „Bauernkriegspanorama“ ist der Essay, mit dem sie im vergangenen Jahr den Wortmeldungen-Preis für kritische Kurztexte gewann. Das Buch, erschienen im Verbrecher-Verlag, enthält auch noch ein Vorwort und die Laudatio auf Röggla. Der Preis wird von der Crespo Foundation ausgelobt, die sonst Familienförderungs- und Bildungsprojekte unterstützt. In der Literatur hat sie Erfahrung durch dreizehn wichtige Jahre für den Open-Mike-Wettbewerb in Berlin. Um das neue Projekt nun bekannter zu machen, trommelt die Stiftung jetzt auch für die Shortlist.

Aus 293 Einreichungen hat eine Jury zehn Texte ausgewählt. Die kann man auf wortmeldungen.org nachlesen. Sie stammen von Xaver Bayer, Marius Goldhorn, Andrea Grill, Melinda Nadj Abonji, Marion Poschmann, Doron Rabinovici, Tex Rubinowitz, Monique Schwitter, Isabella Straub und Maren Wurster. Das sind alles  keine Anfänger, die sich mit Arbeiten zu gesellschaftlichen Themen beworben haben.

Melinda Nadj Anbonji schreibt, ausgehend von einem Briefwechsel, die ihre Mutter ihr gab, als sie bereits 40 Jahre alt war, von der bürokratisch manifestierten Angst der Schweiz vor einer „Überfremdung“. Sie erzählt, wie ihre Eltern trotz der Unterstützung des Arbeitgebers nur in einem mühsamen Kampf schafften, ihre Kinder aus Jugoslawien nachzuholen. Nadj Abonji reflektiert über Sprache und deren Gebrauch durch die Repräsentanten der Macht.

Doron Rabinovici schreibt über den Hamburger Prozess gegen den einstigen SS-Mann Bruno Dey, der im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig Dienst tat, wo Rabinovicis Mutter inhaftiert war. Der Autor war in Israel in Corona-Quarantäne, als er die Unterlagen seiner verstorbenen Mutter sortierte. Und er sieht, wie die Leugnung des Holocaust und das Kleinreden der Naziverbrechen bis heute ihr wohlwollendes Publikum finden.

Ganz anders ist der Text von Xaver Bayer, eine düster-böse Geschichte eines Mannes, der aufwacht, ohne die Augen öffnen zu können und alles neu wahrnehmen muss. Er nimmt eine rasante Kurve im Erzählen, die man als Allegorie auf die veränderten Verhältnisse in der Pandemie deuten kann. 

Nicht nur nachlesen kann diese und die anderen nominierten Beiträge, jede Autorin, jeder Autor kommt noch in einem Podcast zu Wort. Sandra Poppe von der Crespo Foundation erzählte bei einem Pressegespräch via Zoom, dass es immer heiße, Literatur könne nur langsam auf Ereignisse reagieren. Die kurze Form aber, „die nicht so marktgängig ist“, sei durchaus ein Mittel für Autoren, aktuell und politisch zu schreiben. Ende Februar wird der neue Wortmeldungen-Preisträger bestimmt. Es gibt 35.000 Euro.